Es ist ja nicht so, als gebe es keine Ideen, Passwörter abzuschaffen oder sie zumindest zu ergänzen. Techniken wie die Zwei-Faktor-Authentifizierung über USB-Token, Fingerabdrücke, Selfies, Emojis und sogar die eigene DNA – sie alle sollen unsichere Passwörter wie "12345" ablösen und Nutzer vor Hackerangriffen und Überwachung schützen. Theoretisch. In der Praxis sind viele Pläne entweder zu kompliziert, nicht weit genug verbreitet oder doch nicht ganz so sicher wie gedacht.

Das hält Google nicht davon ab, es trotzdem weiterhin zu versuchen. Auf der Entwicklerkonferenz I/O stellte das Unternehmen nun eine weitere Idee vor, Passwörter abzuschaffen. Bis zum Ende des Jahres sollen alle Android-Entwickler sogenannte Trust Scores in ihre Apps integrieren können. Es ist die Weiterentwicklung von Project Abacus, das Google vergangenes Jahr erstmals vorstellte.

Jeder Besitzer eines Android-Smartphones bekommt demnach einen individuellen Trust Score. Dieser setzt sich aus verschiedenen Datenpunkten zusammen, die direkt über das Gerät ermittelt werden, sagte Dan Kaufman, Leiter von Googles Forschungsabteilung ATAP (Advanced Technology and Projects) in einem Vortrag auf der I/O. Dazu zählten etwa der Standort via GPS, Gesichtserkennung und Fingerabdruck, aber auch das Tippverhalten, wie oft bestimmte Apps gestartet werden und selbst wie das Smartphone gehalten wird oder mit welchen Netzwerken und anderen Geräten es verbunden ist.

Dein Handy weiß, wer du bist

Die Idee: Jeder nutzt sein Smartphone anders und in der Summe lässt sich daraus ziemlich genau feststellen, ob nun der rechtmäßige Besitzer oder ein jemand Anderes es gerade in der Hand hält.

Künftige Android-Apps können statt Passwörtern den Trust Score nutzen: Die Nutzer müssen dann, etwa um in einer App eine Zahlung zu tätigen, kein Passwort mehr eingeben, sofern das System erkennt, dass gerade der richtige Nutzer die App nutzt. Für besonders sensible Angelegenheiten, zum Beispiel Onlinebanking, soll es aber möglich sein, den Vertrauenswert höher anzusetzen. Dann müssten sich Nutzer zusätzlich identifizieren, etwa durch ihren Fingerabdruck.

"Wir haben ein Smartphone und dieses Smartphone hat alle möglichen Sensoren. Warum kann es nicht einfach wissen, wer ich bin?", fragte Kaufman rhetorisch. Tatsächlich tut es das bereits, denn in modernen Smartphones stecken durchschnittlich 20 Sensoren, die schon jetzt und in der Regel ohne Kenntnis der Nutzer permanent Informationen aufzeichnen. So ist es zwar möglich, den GPS-Sensor zu deaktivieren, die Beschleunigungs- oder Helligkeitssensoren aber sind immer aktiv, das System merkt sich Bluetooth, WLAN- und Funkverbindungen. Für Datenschützer sind Smartphones mit ihren Sensoren deshalb mächtige Spione in der Hosentasche.

Zwischen Überwachung und Sicherheit

Für Google dienen sie, glaubt man den Verantwortlichen von ATAP, allerdings genau dem Gegenteil, nämlich der Datensicherheit. Ein gestohlenes oder anderweitig entwendetes Smartphone ist derzeit in den meisten Fällen bloß durch eine PIN oder einen Fingerabdruck gesichert. Ein Trust Score, der zusätzlich weitere biometrische Verfahren und das Nutzerverhalten verwendet, könnte es Dieben – oder auch Behörden – weiter erschweren, sich unerlaubten Zugriff zu verschaffen

Derzeit werden der Trust Score und die dahinter stehende Technik in einem Pilotprojekt mit einigen großen Banken getestet, heißt es. Sollte es erfolgreich sein, steht sie zum Ende des Jahres Entwicklern offen. Das Ende des traditionellen Passworts würde das sicherlich nicht bedeuteten. Aber eine Lösung, die bereits in das beliebteste Smartphone-Betriebssystem integriert ist, wäre zumindest einfacher durchzusetzen als so manch andere Pläne, Passwörter abzuschaffen. Man könnte es aber auch sehen wie Violet Blue vom US-Portal Engadget: Ja, Passwörter sind ein Grauen. Aber ist Überwachung rund um die Uhr deshalb besser?