Jeden Tag begegnen uns Hunderte Menschen. Auf der Straße, in der U-Bahn, im Supermarkt. Wir sehen ihre Gesichter, aber wir kennen nicht den Namen und nicht die Person, die sich hinter ihnen verbirgt. Das Internet aber tut es, wie der russische Student und Fotograf Egor Tsvetkov kürzlich demonstrierte. Sein Projekt Your Face Is Big Data zeigt, wie Gesichtserkennung, Algorithmen und soziale Netzwerke zusammenarbeiten.

Tsvetkov fotografierte 100 ihm fremde Menschen in der U-Bahn von Sankt Petersburg. Es waren gewöhnliche Schnappschüsse, aus verschiedenen Winkeln und in durchschnittlicher Qualität. Aufnahmen, wie sie täglich unzählige Male rund um die Welt gemacht werden. Anschließend fütterte Tsvetkov die Bilder dem russischen Dienst FindFace. Dieser führt eine automatische Gesichtserkennung durch und vergleicht die hochgeladenen Bilder mit Profilen des sozialen Netzwerks VKontakte (VK). In rund 70 Prozent aller Fälle, vor allem bei jüngeren Menschen, konnte FindFace die Bilder einem Profil zuweisen und so die Identität der Fotografierten feststellen.

In Russland ist spätestens seitdem eine Debatte um FindFace entbrannt. Denn natürlich wird der Dienst missbraucht. Vor zwei Wochen enttarnte ein Nutzer in einem Imageboard mehrere russische Pornodarstellerinnen, die ihren echten Namen wohl kaum mit ihrem Beruf verknüpft sehen wollten. Ein Softwareentwickler schrieb zuvor, wie er zwei Frauen, die er vor sechs Jahren auf der Straße fotografierte, plötzlich identifizieren konnte. Datenschützer warnen, Dienste wie FindFace könnten vor allem für Stalking, Mobbing und Scamming eingesetzt werden.

Besser als die Google-Algorithmen

Hinter FindFace steckt das Start-up NTechLabs aus Moskau. Deren Betreiber sagten, sie unterstützen den Missbrauch des Dienstes nicht, könnten ihn aber auch nur schlecht unterbinden. Denn sie könnten nicht kontrollieren, wer die Abfrage zu welchen Zwecken einsetzt. Offiziell soll FindFace ein Datingportal sein, aber vor allem NTechLabs Algorithmen zur Gesichtserkennung interessieren die Fachwelt. Im vergangenen Jahr schlugen sie im Megaface-Wettbewerb der Universität von Washington sogar die Gesichtserkennung von Google.

Wie genau die Software funktioniert, sagt das Unternehmen nicht. Aber es zeigt, wie fortgeschritten die Gesichtserkennung mittlerweile ist. Lange Zeit galt die Technik vor allem als Werkzeug für Geheimdienste, Behörden und große Unternehmen wie Google oder Facebook, die sie für Bilder- und Tagging-Dienste einsetzten. Doch nicht zuletzt dank rasanter Entwicklungen im Bereich neuronaler Netzwerke und künstlicher Intelligenz wird Gesichtserkennung immer alltäglicher.

Das glaubt auch der Designer und Aktivist Adam Harvey. Auf der diesjährigen re:publica in Berlin gab er einen kurzen Einblick in die Geschichte und den aktuellen Stand der Gesichtserkennung. "Die Technik, die ursprünglich vor allem dazu diente, Kriminelle zu identifizieren, wird inzwischen für Kreditkartenbesitzer angewandt", sagt Harvey und erinnert an die angeblichen Pläne von MasterCard und Amazon, biometrische Daten mit ihren Bezahldiensten zu verknüpfen.

Onlinedienste machen Gesichtserkennung salonfähig

Privatunternehmen würden inzwischen die gleichen Felder bestellen wie die Behörden, fährt Harvey fort. Firmen wie Affectiva brüsten sich damit, die weltweit größte Datenbank an Emotionen zu haben – mit fast vier Millionen gescannten Gesichtern. Microsoft verkauft eine Emotion API und die NSA nutzt für ihre Internetüberwachung unter anderem die mittlerweile zu Google gehörende Erkennungssoftware von PittPatt. Und Open-Source-Projekte wie OpenFace bieten Algorithmen zu Gesichtserkennung und Headtracking für praktisch jedermann im Paket an. "Man bekommt heute schon für etwa 50 US-Dollar ein High-Performance-System zur Gesichtserkennung", sagt Harvey.

Je mehr Onlinedienste die Technik implementieren, desto schneller werden sie akzeptiert. Dienste wie FindFace zeigen, was passiert, wenn die Technik mit großen Datenbanken wie sozialen Netzwerken verknüpft wird. "Social-Media-Beiträge sind das Superfood für Gesichtserkennung", sagt Harvey. Immer mehr Menschen teilen schließlich Bilder, Videos und Livestreams im Netz, auf Facebook, Instagram oder Snapchat. Und immer mehr Unternehmen sind daran interessiert, diese Inhalte für andere Zwecke zu nutzen.

Bürgerrechtler wie Jay Stanley von der ACLU warnen davor, dass die Gesichtserkennung der Zukunft die Anonymität sogar auf der Straße auflösen könnte: Jedes öffentlich entstandene Bild von Menschen könne auf die genaue Identität hin analysiert werden. Sogar Fotos, die vor vielen Jahren entstanden sind und irgendwo im Internet herumgeistern, könnten nachträglich untersucht und die darauf abgebildeten Personen identifiziert werden.

Gesichtserkennung - Ich bin Putin Informatiker haben eine Software entwickelt, mit der sie die eigene Mimik auf andere Personen übertragen. Was Videofälscher freuen dürfte, soll der Forschung dienen.