Holger Münch ist nicht Jörg Ziercke. Das ist eine gute Nachricht. Gut, weil Münch, der seit Dezember 2014 der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) ist, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Ziercke keine Schnappatmung bekommt, wenn jemand "Internet" sagt. Oder gar "Darknet".

Zu sehen war das am heutigen Mittwoch bei der Vorstellung des Bundeslagebildes Cybercrime 2015 in Wiesbaden. Wer nach dem Amoklauf von München erwartet hatte, dass Münch die Gelegenheit nutzen würde, die anonymen Bereiche des Internets per se zu verteufeln, wurde angenehm überrascht.

Die Steilvorlage hätte es gegeben. Der 18-jährige Täter von München hatte seine Pistole im Darknet gekauft, wie das bayerische Landeskriminalamt am Wochenende mitteilte. Prompt kramte das ZDF eine Aussage eines BKA-Mitarbeiters aus einem älteren Interview hervor, nach der "bis zu eine Million Menschen allein in Deutschland im Darknet Drogen, Waffen und gefälschte Personalausweise oder Pässe kaufen". Eine absurde Behauptung. Nach einer Anfrage von netzpolitik.org erklärte das BKA denn auch, keine belastbaren Zahlen zu haben.

Münch redet lieber über Ermittlungserfolge

Münch ging auf die Zahl nicht ein. Er sagte zum Thema Waffenkauf im Darknet nur, dass es den zwar gebe, aber "zum Glück nicht in der Menge, wie es zum Beispiel bei Betäubungsmitteln ist". Anschließend verwies er auf die Ermittlungserfolge des vergangenen Jahres. So habe das BKA allein in Deutschland fünf illegale Marktplätze im Darknet geschlossen, einige weitere in Zusammenarbeit mit Strafverfolgern in anderen Ländern. Derzeit liefen 85 entsprechende Verfahren, fügte er noch hinzu.

Auch im Bundeslagebericht steht wenig Alarmistisches zu "digitalen Schwarzmärkten", die nur mithilfe spezieller Software wie dem Tor-Browser erreichbar sind und deren Nutzer versuchen, maximal anonym zu bleiben. Von einer "Zunahme von Aktivitäten in der Underground Economy" ist im Bericht die Rede, ohne dass Zahlen genannt werden. Einzig die Aussage, "dass über illegale Online-Marktplätze weltweit unzählige potenzielle Kunden erreicht werden können", könnte man dem BKA als leicht unseriös auslegen – je nach Definition von "unzählig". Auf einer Skala von null bis Ziercke wäre der Satz aber höchstens eine Drei.

Das Darknet ist klein

Die neue verbale Zurückhaltung des BKA in Sachen Darknet entspricht schlicht dessen Dimensionen. Für ihren Aufsatz Cryptopolitik and the darknet haben Thomas Rid vom Department of War Studies am King's College in London und sein Kollege Daniel Moore mit einigem Aufwand untersucht, wie groß oder klein es wirklich ist. Sie fanden ganze 5.205 sogenannte Hidden Services. Das sind Websites im Tor-Netzwerk, dem populärsten Netzwerk, das man als Darknet bezeichnen kann.

Rid und Moore stellten fest, dass von den 5.205 Seiten nur etwas mehr als die Hälfte aktiv war, also sichtbare Inhalte hatte. Von den 2.723 aktiven Websites beinhalteten 1.547 diverse Angebote, die als illegal einzuordnen sind – von extremistischen Inhalten über Drogen zu Hacking-Dienstleistungen. Plattformen, auf den Waffen verkauft wurden, fanden sie auch. 42, um genau zu sein.

Anderen Studien zufolge, die allerdings bis zu 15.000 aktive Seiten im Tor-Netzwerk erkannt haben, geht es auf nur vier Prozent respektive 0,3 Prozent aller Websites im Tor-Netzwerk um Waffen. Betrüger, die nur vorgeben, Waffen oder Munition zu verkaufen, sowie sogenannte Honeypots, mit denen Ermittler potenzielle Waffenkäufer anlocken, eingeschlossen.

Selbst das Bundesinnenministerium ließ am Mittwoch verlauten, das Darknet an sich sei "weder gut, noch böse", sondern neutral.

So viel Vernunft hätte man sich auch in der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung gewünscht.