Projektleiter Rune Bjerkestrand (3.v.l.) mit Vertretern der Nationalarchive von Mexiko und Brasilien © Piql

Jeder Kunde bekommt ein Inhaltsverzeichnis aller von ihm im Arctic World Archive gespeicherten Daten, das sich auf Wunsch auch online einsehen lässt. Sollte ein Original verloren gehen, kann der Kunde Piql kontaktieren und eine Wiederherstellung verlangen. In diesem Fall müsste ein Mitarbeiter in Spitzbergen in den Lagerraum gehen, den jeweiligen Container mit der Filmrolle suchen, diese in ein Lesegerät einlegen und die gewünschte Stelle digitalisieren und anschließend verschicken. Das eigentliche tatsächliche Scannen ginge, je nach Größe, innerhalb weniger Minuten, sagt Bjerkestrand. Insgesamt könne es aber, je nach Tageszeit, zwischen 24 und 48 Stunden dauern bis die Daten wiederhergestellt seien.

An diesen Prozess schließt sich die nächste Frage an: Mit dem Arctic World Archive möchte Piql der technischen Obsoleszenz entgegenwirken. Gleichzeitig vertraut das Unternehmen aber auf ein Medium, das seinerseits ebenfalls die richtige Technik benötigt, um gelesen werden zu können. Kaum jemand hat heute noch einen Filmprojektor zu Hause. Wer soll dann erst in 500 Jahren noch die Rollen im Datentresor von Spitzbergen wieder digitalisieren, also lesbar machen können?

"Mal angenommen, jemand würde ohne weitere Informationen eines Tages einen Container finden. Dann könnte er die Rolle ins Licht halten und würde eine Anleitung finden, wie sich die Inhalte lesen lassen", sagt Bjerkestrand. Auf jeder Filmrolle sei nämlich die Information im Klartext gespeichert, welche Technik es dafür benötigt. Im Kern sei das lediglich eine Kamera, eine Lichtquelle und ein Computer. So wie Smartphone-Kameras QR-Codes lesen können, könnten die Smartphones der Zukunft möglicherweise auch den Mikrofilm scannen. Derzeit benötigt es dafür noch eine höherauflösende Kamera. Was die Software angeht, nutzt Piql die bereits erwähnten Open-Source-Lösungen, die ein Software-Entwickler in der Zukunft wiederherstellen könne.

Bislang kein Angebot für Privatpersonen

Vorausgesetzt, es gibt in dieser Zukunft überhaupt noch Computer. Die Verantwortlichen des Arctic World Archive vertrauen also doch ein bisschen darauf, dass die Welt nicht komplett untergeht und es auch in einigen Hundert Jahren noch Hard- und Software geben wird, mit denen sich die archivierten Daten lesen lassen. Sollte Piql zwischenzeitlich dichtmachen, sei das übrigens auch kein Problem: "Sämtliche Container sind das Eigentum der jeweiligen Kunden", sagt Bjerkestrand, "jeder Kunde bekommt ein entsprechendes Zertifikat ausgehändigt." Die Mine, in der sie eingelagert sind gehört der norwegischen Regierung, die, gemessen am aktuellen Weltgeschehen, als relativ stabil gilt.

Zwei prominente Kunden konnte das Projekt zum Start überzeugen. So haben die Nationalarchive von Brasilien und Mexiko einige ihrer wichtigsten Dokumente archivieren lassen. Darunter befinden sich unter anderem der erste Verfassungstext Brasiliens sowie historische Fotografien. Mexiko hat neben der Verfassung Karten, Illustrationen und ein Buch aus dem Jahr 1552 eingereicht. Mittelfristig will Piql neben Regierungen aber vor allem Unternehmen als Kunden gewinnen, die damit weniger Geld in ständige Archivierung stecken müssen. Privatpersonen können derzeit noch nicht auf das Angebot zurückgreifen und auch feste Preislisten für die Archivierung gibt es nicht. Der Preis ergibt sich aus der Größe der Daten und der Arbeit, die in die Konvertierung in die richtigen Formate anfällt.

Ob eine Firma ihre kostbarsten Daten tatsächlich einzig in einer Mine am Polarkreis lagern würde? Das ist eine andere Frage und unwahrscheinlich. In jedem Fall bietet das Arctic World Archive eine Form der Archivierung, die gerade im Zeitalter von Cyberangriffen und Datenmanipulationen attraktiver denn je sein könnte. "Wir bedienen einen Nischenmarkt, und zwar den der ultrasicheren Datenspeicherung", sagt Bjerkestrand. Eine Kopie der Daten zu haben, die garantiert nicht verändert werden kann, werde in den kommenden Jahren wichtiger werden. Bleibt nur zu hoffen, dass niemand einen Raubüberfall plant und die Container ganz klassisch aus dem eisigen Tresor stielt.