In der sechsten Betaversion von Apples kommendem iPhone-Betriebssystem iOS 11 ist eine gewissermaßen schizophrene Funktion versteckt. Wer in schneller Folge fünfmal die Einschalttaste betätigt, aktiviert das Notrufmenü. Gleichzeitig deaktiviert er das Entsperren des Geräts per Fingerabdruck. Die Funktion vereinfacht es also einerseits, Hilfe zu rufen. Andererseits hilft sie auch, wenn man gerade nicht das Opfer ist, sondern der Verdächtige.

Interpretiert wird die Funktion deshalb als "Polizeitaste", oder genauer: als Antipolizeitaste. Denn wenn Touch ID (beziehungsweise die kolportierte Gesichtserkennung im iPhone 8, die Touch ID ersetzen soll) deaktiviert ist, brauchen Strafverfolger den Passcode, um ein beschlagnahmtes iPhone zu entsperren.

Offiziell hat Apple die Funktion bisher nicht erwähnt. Es ist also unklar, was sie wirklich bezwecken soll und ob sie in der finalen Version von iOS 11 überhaupt enthalten sein wird. Entdeckt wurde sie von einer Programmiererin, die ihren Fund auf Twitter verbreitete, mehrere Medien haben den Trick daraufhin nachvollziehen können.

Das Antipolizeiszenario liegt aber auf der Hand: Wer befürchtet, sein iPhone könnte in den nächsten Sekunden an einer Grenze kontrolliert oder von der Polizei beschlagnahmt werden, kann mit dem fünfmaligen Drücken der Taste die im Vergleich zur Finger- oder Gesichtserkennung schwerer zu knackende Barriere hochziehen. Das geht unauffällig in der Hosentasche und wesentlich schneller, als Touch ID über das Einstellungsmenü auszuschalten oder das iPhone herunterzufahren.

Mehrere Vorfälle aus der jüngeren Vergangenheit verdeutlichen, warum Apple eine solche Funktion einführen könnte: Nach dem Attentat von San Bernardino wollte das FBI das iPhones eines getöteten Attentäters knacken, um auf dem Gerät nach Hinweisen auf Hintermänner zu suchen. Um Apples Hilfe zu erzwingen, brachen FBI und Justizministerium einen öffentlichen Streit mit dem Unternehmen vom Zaun und forderten faktisch die Entwicklung einer Hintertür für iOS. Apple erklärte daraufhin, seine Sicherheitsmaßnahmen ganz im Gegenteil noch weiter zu verstärken. Die Botschaft an die Öffentlichkeit lautete: Eure Daten sind auf unseren Geräten sicher vor staatlichen Zugriffsversuchen, egal in welchem Land ihr lebt.

Außerdem versuchen Forscher – manchmal auf Wunsch der Polizei – immer wieder, biometrische Systeme auszutricksen, um fremde Geräte entsperren zu können. Mit Fingerattrappen und Fotos hat das zum Beispiel der Berliner Sicherheitsforscher Jan Krissler schon mehrfach geschafft, sowohl mit einem iPhone als auch mit Samsungs aktuellem Spitzenmodell Galaxy S8.

Gesichtserkennung im iPhone würde die Arbeit der Polizei erleichtern

Solange Touch ID aktiviert ist und der Akku nicht leer, haben Behörden also eine realistische Chance, ein iPhone durchsuchen zu können. Zumal sie Fingerattrappen relativ problemlos herstellen können, da sie ja auch die Fingerabdrücke eines Verdächtigen nehmen dürfen. Manche Richter haben es der Polizei sogar gestattet, den Verdächtigen zu zwingen, sein Gerät selbst per Fingerabdruck zu entsperren. Sollte das iPhone 8 tatsächlich eine Gesichtserkennung haben, wäre das Entsperren gegen den Willen des Besitzers sogar noch einfacher – man müsste es ihm nur vors Gesicht halten.

Der Passcode hingegen ist sehr viel schwerer zu knacken. Apple verlangt einen sechsstelligen PIN, alternativ kann man aber auch eine lange und entsprechend sicherere Passphrase wählen. Nach drei falschen Eingaben verlängert sich zunehmend der zeitliche Abstand zum nächsten möglichen Versuch. Außerdem können Nutzer einstellen, dass alle Daten auf dem Gerät nach zehn erfolglosen Eingaben gelöscht werden. In Großbritannien können Verdächtige zwar gezwungen werden, Passwörter herauszugeben, sogar ohne Gerichtsbeschluss. In den USA und auch in Deutschland aber ist das nicht der Fall.