Überraschend kommt der Insolvenzantrag von Cambridge Analytica und der Dachgesellschaft SCL Group nicht. Seit Wochen steht die britische Datenanalysefirma im Zentrum des Facebook-Skandals: Sie soll bis zu 87 Millionen Datensätze des sozialen Netzwerks illegal erworben und mit deren Hilfe unter anderem US-Einwohner während der Präsidentschaftswahl 2016 manipuliert haben. Ob das effektiv war, wird unter Wissenschaftlern bezweifelt. Im März musste Unternehmenschef Alexander Nix gehen, im April verließ auch der kommissarische Leiter Alexander Tayler die Firma.

Im gleichen Zeitraum haben sich auch viele Kunden von Cambridge Analytica verabschiedet, berichtete das Wall Street Journal. In einer Pressemitteilung schreiben die Verantwortlichen des Unternehmens, die Berichterstattung habe "praktisch alle Kunden vertrieben" und man sei in einer "finanziell prekären Situation".

Einige Politiker wittern in dem Insolvenzantrag einen Versuch des Unternehmens, eine Untersuchung seiner illegalen Aktivitäten zu umgehen und Schadensersatzzahlungen zu minimieren. "Abscheulich. Insolvenz anmelden, um Illegales zu verschleiern", twitterte die britische Labour-Abgeordnete Mary Creagh. Der Vorsitzende des britischen Parlamentsausschusses, Damian Collins, warnte davor, dass die Datenhistorie von Cambridge Analytica und der Muttergesellschaft SCL gelöscht würde. Die Ermittlungen gegen die Arbeit des Unternehmens seien unerlässlich, schrieb er auf Twitter.

Cambridge Analytica ist nur ein Unternehmen von vielen

Mit dem wirtschaftlichen Ende von Cambridge Analytica ist die Debatte deshalb noch nicht vorbei. Erstens weil die Untersuchungen andauern und Politiker in den USA und Europa weiterhin wissen möchten, wer alles Zugriff auf die Datensätze hatte. Und zweitens weil Cambridge Analytica nur stellvertretend für das lukrative Geschäft mit den Daten von Internetnutzern und Nutzerinnen steht.

Denn auch wenn Cambridge Analytica vor allem durch die mutmaßliche Wählermanipulation in den Fokus rückte, war das Unternehmen in erster Linie für die Werbeindustrie tätig. Es versprach seinen Kunden unter anderem Marktanalysen und sogenanntes Microtargeting: Es sammelte Daten von Menschen, um diese in Zielgruppen einzuteilen und somit persönlich ansprechen zu können – etwa durch personalisierte Werbung.

Das gleiche Prinzip bildet die Grundlage von Facebooks Geschäftsmodell: Das soziale Netzwerk bietet seinen Werbepartnern auch weiterhin an, passende Anzeigen auf Grundlage von Nutzerinformationen wie Geschlecht oder Interessen auszuspielen (was Nutzer und Nutzerinnen übrigens in den Einstellungen anpassen können). Facebook verkauft zwar keine Daten und liefert seinen Partnerinnen auch keine Informationen wie Namen oder Adressen, wie Mark Zuckerberg in seiner Anhörung im US-Kongress immer wieder betonte. Aber dennoch erlaubt Microtargeting, komplexe Profile zu erstellen, um Menschen gezielt ansprechen zu können. Und birgt damit auch ein gewisses Manipulationsrisiko, wenn diese Daten in die falschen Hände kommen.