Wochenlang hat das EU-Parlament um eine öffentliche Anhörung mit Mark Zuckerberg gebeten – und wurde immer wieder vertröstet. Erst hieß es vonseiten Facebooks, man beantworte gerne die Fragen, aber erscheinen werde nur der Vizeöffentlichkeitschef Joel Kaplan. Dann sagte Facebook zwar zu, dass Mark Zuckerberg persönlich komme, aber die Befragung solle unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Am Montag der überraschende Sinneswandel: Der CEO des sozialen Netzwerks wird nicht nur vor den Fraktionsspitzen des EU-Parlaments in Brüssel aussagen, die Anhörung wird ab 18.15 Uhr auch live im Internet übertragen.

"Ich habe persönlich mit Mark Zuckerberg die Möglichkeit eines Webstreams diskutiert", schrieb Antonio Tajani, Präsident des EU-Parlaments, am Montag auf Twitter. "Ich freue mich, verkünden zu können, dass er dieser erneuten Anfrage zugestimmt hat." Der italienische Politiker feiert die öffentliche Übertragung als "großartige Neuigkeiten für die EU-Bürger". Zuvor hatten die Grünen auf einen öffentlichen Livestream der Anhörung gedrängt und eine Onlinepetition gestartet. Mehr als 30.000 EU-Bürger unterzeichneten sie. "Druck wirkt!", twitterte der Initiator und Grünen-Politiker Sven Giegold.

Die Anhörung am Dienstagabend soll Klarheit in den Datenskandal um die Analysefirma Cambridge Analytica bringen. Das britische Unternehmen hat 2014 die Informationen von 87 Millionen Facebook-Nutzern illegal erworben und mit ihrer Hilfe mutmaßlich US-Bürger beim Präsidentschaftswahlkampf 2016 beeinflusst. Möglich war die Nutzung der Daten über eine Schnittstelle, die der Wissenschaftler Aleksandr Kogan ausnutzte: Er baute eine App namens This is your digital life und griff darüber nicht nur die Profilinformationen der Teilnehmer, sondern auch ihrer Freunde ab. Der anschließende Verkauf der persönlichen Daten verstieß gegen die Nutzungsbedingungen von Facebook.

Auch wenn die Schnittstelle, die Kogan benutzte, seit vier Jahren geschlossen ist, wirft der Skandal die Frage auf, wie Facebook mit den Daten der Nutzerinnen und Nutzer umgeht. Zwar wurde das Netzwerk schon 2015 über den Skandal informiert, begnügte sich aber mit der Zusicherung, dass die Daten nicht weiter verwendet würden. Mutmaßlich nutzte Cambridge Analytica die Informationen der Facebook-Nutzer aber noch bis 2017. Unter den Betroffenen sollen 2,7 Millionen EU-Bürger sein.

Vor der Anhörung zeigen sich die EU-Abgeordneten kämpferisch. Der Facebook-Chef soll erklären, wie es zu dem Skandal kommen konnte – und wie er künftig die Informationen seiner Nutzerinnen und Nutzer zu schützen gedenkt. "Wir erwarten von Mark Zuckerberg, dass er Erklärungen dafür liefert, wie Cambridge Analytica die Daten von Millionen Europäerinnen und Europäern missbrauchen und Wahlen manipulieren konnte", sagte der Vorsitzende der Sozialdemokraten im EU-Parlament, Udo Bullmann, gegenüber der dpa. Der Grünen-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht erhofft sich laut tagesschau mehr Erkenntnisse darüber, "was Facebook eigentlich plant mit Blick auf den Datenschutz der Nutzer und wie vor allen Dingen in Zukunft ein Geschäftsmodell betrieben werden kann, das nicht nur auf die Ausbeutung der Daten und der Privatsphäre der Menschen setzt".