ZEIT ONLINE: Nach dem Gespräch mit Sheryl Sandberg haben Sie verlauten lassen, dass nicht alle Ihre Erwartungen erfüllt wurden. Das verstärkt den Eindruck, dass sich nach dem Skandal nicht viel verändert hat. Werden Sie Facebook noch zur Rechenschaft ziehen?

Jourová: Nicht ich persönlich. Aber auf der amerikanischen und auf der europäischen Seite wird die Datenweitergabe untersucht. Meine größte Sorge ist die mutmaßliche Manipulation von Wahlen. Die privaten und intimen Daten zu verwenden, um den freien Willen und den Entscheidungsprozess von Wahlen zu beeinflussen, das gefällt mir als Tschechin gar nicht. Ich erinnere mich noch an die Gehirnwäsche in der Sowjetunion, an die unfreien Wahlen. Zwar wurde diese Art der Manipulation nicht von Geld getrieben, sondern von einem totalitären Regime. Aber glauben Sie mir: Die Resultate sind sehr ähnlich.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie die Demokratie in Gefahr?

Jourová: Wenn wir diese Methoden der Gehirnwäsche weiter erlauben, dann ja. Demokratie ist bedingt durch die Freiheit des Individuums. Die wird durch die Methoden des Microtargetings bedroht. Darum fordere ich, dass die EU-Staaten ihre Wahlgesetze untersuchen und sich fragen, ob sie auf solche Methoden vorbereitet sind.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie?

Jourová: Ich denke nicht. Zwar sind politische Kampagnen in klassischen Medien reguliert, aber in der Onlinesphäre haben wir noch einen Dschungel an Möglichkeiten.

ZEIT ONLINE: Vielen Bürgern ist Datenschutz herzlich egal – Sie müssen sie überzeugen, sich für ein kompliziertes und dröges Thema zu interessieren. Warum ist das so schwer?

Jourová: Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Obwohl wir ähnliche kulturelle und historische Wurzeln teilen, haben wir individuelle Gefühle. In Tschechien zum Beispiel scheren sich die meisten nicht um Datenschutz. Wir Tschechen wurden Jahrzehnte, Jahrhunderte ausspioniert, und irgendwie haben wir resigniert. In Ostdeutschland gab es die Stasi, die ebenfalls über Jahrzehnte spionierte, aber hierzulande fordern die Menschen trotzdem Datenschutz. Vielleicht spielt auch das Thema Sicherheit eine Rolle.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Jourová: Manchmal würde ich auf Konferenzen gerne die Frage stellen, ob sich die Menschen einen Chip implementieren lassen würden, der sie komplett überwacht, wenn sie dafür hundertprozentige Sicherheit erwarten könnten. Ich bin mir sehr sicher, dass viele EU-Bürger Ja sagen würden. Mit jedem neuen Terroranschlag wird es mehr Menschen geben, die ihre Freiheit für mehr Sicherheit aufgeben würden. Weil sie leben wollen. Weil sie sicher sein wollen. Deswegen ist Datenschutz so wichtig. Und glauben Sie mir: Das ist ganz und gar nicht langweilig.