Würde ich jemals einem Psychologen klarmachen wollen, wie es um mich bestellt ist, vielleicht würde ich ihm das Nutzungsprofil meines Netflix-Accounts schicken. Denn der Streamingdienst kennt mich wirklich gut. Er weiß, dass ich bei der zweiten Staffel von Tote Mädchen lügen nicht pro Folge bis zu 14-mal die Handlung vorgespult habe. Dass ich die romantische letzte Episode von The Killing gleich mehrfach angesehen habe. Dass ich am 21. November 2017 auf die Werbemail zu Stranger Things 2 angesprungen bin.

Diese Daten hat mir Netflix auf Anfrage zugesandt. Jeder Nutzerin und jedem Nutzer steht laut Datenschutz-Grundverordnung die Auskunft zu, welche Informationen eine Firma über sie oder ihn aufbewahrt. Für die Recherche zu meinem Buch Die Daten, die ich rief habe ich meine Daten bei zahlreichen Unternehmen angefordert.

Seit ich weiß, welche Daten der Streamingdienst über mein Sehverhalten speichert, bin ich nachdenklich geworden. Nicht die schiere Masse meines Medienkonsums bereitet mir Unwohlsein. Als bekennender Filmliebhaber schäme ich mich höchstens für die ein oder andere seichte Serie. Vielmehr frage ich mich, was Dritte aus einem derartigen Datensatz über meine Person ableiten könnten. Und für was sie diese Informationen dann verwenden.

Laut Datensatz bin ich ein Serienjunkie

Das sind Fragen, die nicht nur mich betreffen. 221 Minuten verbringt der Durchschnittsdeutsche pro Tag vor dem Fernseher. Für immer mehr Menschen bedeutet Fernsehen: Netflix. Schätzungen zufolge sollen hierzulande rund vier Millionen Menschen den US-Dienst nutzen. Weltweit sind es mehr als 100 Millionen. Streaming ist längst Mainstream. Stars wie Will Smith und Winona Ryder stehen bei Netflix unter Vertrag. Und seit Neuestem sogar Barack und Michelle Obama.

Die Popularität des Dienstes begründet sich in dem schnellen, einfachen Zugang zu Tausenden von Filmen und Serien. Auf Netflix ist zu jeder Uhrzeit Primetime. Selbst wer sich nur für eine Nische interessiert, bekommt immer passende Filme angezeigt. Der Algorithmus bedient die Sehnsucht nach kitschigen Telenovelas genauso wie die Gelüste von Krimi- und Anime-Fans.

Das neue Fernsehen prägt auch unseren Alltag. Manchmal ganz harmlos wie die Netflix-Serie Haus des Geldes – dank ihr avancierte der Techno-Remix des alten Partisanenlieds Bella ciao zum Sommerhit 2018. Manchmal ist der Einfluss aber auch dramatisch: Nach der Erstausstrahlung der Serie Tote Mädchen lügen nicht meldete eine Studie einen deutlichen Anstieg von Google-Suchen zum Thema Suizid. Um den sogenannten Werther-Effekt in Zukunft zu vermeiden, wurde in der zweiten Staffel jeder Folge eine Warnung vorgeschaltet.

Katharina Nocun ist Autorin und Datenschutzaktivistin. 2018 erschien ihr Buch "Die Daten, die ich rief" über Datensammlungen von Staat und Wirtschaftbei Bastei Lübbe. Sie bloggt unter kattascha.de.

Ursprünglich ging Netflix 1997 als Versandvideothek an den Markt: Kundinnen und Kunden konnten sich DVDs nach Hause schicken lassen. Streamingdienste kamen erst zehn Jahre später hinzu. Den Durchbruch schaffte Netflix mit der Serie House of Cards. Im Nachhinein erklärt das Unternehmen den Erfolg der Serie mit Datenanalyse: Durch die Verfolgung der Sehgewohnheiten seiner Nutzer wusste das Portal schon vor Drehbeginn, dass die Kombination von Regisseur David Fincher und dem damaligen Star Kevin Spacey satte Quoten verspricht. Geschätzte 100 Millionen US-Dollar steckte Netflix in die Produktion der ersten beiden Staffeln, ohne wie üblich eine Pilotfolge als Testballon drehen zu lassen. Für das noch junge Unternehmen stellte der Deal ein gewaltiges finanzielles Risiko dar. Die Rechnung ging auf: Die Serie entwickelte sich zum Hit. Das Beispiel zeigt: Für Streamingdienste ist es hoch attraktiv, möglichst viel über ihre Nutzer in Erfahrung zu bringen, damit sie ein möglichst passendes Angebot produzieren können.

Diese ständige Analyse unterscheidet Streaming vom normalen Fernsehen. Beim klassischen Fernsehen wurde nicht protokolliert, welche Dokumentationen uns fesseln oder wann wir uns von Trash-TV berieseln lassen. Netflix hingegen fragt schon bei der Anmeldung, welche Filme uns interessieren. Meine Startpunkte der Personalisierung waren laut Datenauskunft House of Cards, Stranger Things und Narcos. Auf Grundlage dieser Informationen hat mir Netflix zahlreiche Vorschläge unterbreitet. Und ich konnte sie nicht ablehnen.

Im Laufe der ersten zwei Monate habe ich 191-mal auf Play gedrückt. Natürlich habe ich nicht alles komplett angesehen, oft nur kurz reingeschaut. Laut Datensatz bin ich allerdings ein Serienjunkie. Wenn die Autoplay-Funktion automatisch die nächste Folge nachschiebt, werde ich meist schwach. Sage und schreibe 20 Serienstaffeln habe ich innerhalb eines halben Jahres ganz oder zum Teil gesehen. Meine längste Session dauerte mehr als zwölf Stunden. Statistisch betrachtet sehe ich pro Monat manchmal mehrere Tage Netflix.