Von außen beobachtet mag mein Nutzungsprofil ganz schön traurig aussehen. Schließlich sollte man mit 31 am Samstagabend Besseres vorhaben, als im Jogginganzug mit einer Tüte Chips stundenlang auf einen Bildschirm zu starren. Und doch weiß ich mich in guter Gesellschaft. Laut Netflix haben 2017 acht Millionen Nutzerinnen und Nutzer zumindest einmal Binge Racing betrieben und sich in den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung einer neuen Staffel alle Folgen am Stück reingezogen.

Was das über uns aussagen könnte, verdeutlicht eine Studie der University of Texas in Austin (International Communication Association: Yoon Hi Sung et al., 2015). Demnach können Serienmarathons Ausdruck mangelnder Selbstbeherrschung sein. Forscher fanden einen Zusammenhang zwischen Binge Watching und dem Wunsch nach Realitätsflucht. Menschen, die sich eine Folge nach der anderen ansehen, sitzen meist allein vor dem Bildschirm und leiden häufiger an Depressionen. Ich sehe bei mir keine Anzeichen für psychische Probleme, aber bewerten das andere auch so? Der Blick auf die Statistik meiner Sehgewohnheiten lässt mich zumindest ungesunde Muster erkennen. Ich habe Netflix besonders häufig abends bis spät in die Nacht genutzt, wenn ich tagsüber im Job viel um die Ohren hatte. Ob mich dieser Ausgleich wirklich entspannt hat, wage ich rückblickend zu bezweifeln.

Abschalten kann ich nicht

Ein weiterer Datensatz lässt viel schwerwiegendere Schlüsse zu. Ich leide demnach unter dem Phänomen des Purge Watching (von to purge, Englisch für "sich übergeben" oder "sich entleeren"). Das bedeutet: Ich schaue Serien geradezu zwanghaft zu Ende, selbst wenn sie mich langweiligen. Daran ist Netflix nicht schuld. Ich bin schon immer unfähig gewesen, selbst das schlechteste Buch zur Seite zu legen, ich muss alles zu Ende lesen. Bei Streamingdiensten führt mein Tick dazu, dass ich ganze Filme nur überfliege. Die deutsche Produktion Fucking Berlin hat mich derart gelangweilt, dass ich gleich 19 -mal vorgespult habe. Abschalten konnte ich trotzdem nicht. Bei der zweiten Staffel von Tote Mädchen lügen nicht hat mich meinen Sprüngen zufolge nur ein ganz bestimmter Handlungsstrang interessiert – die Aufklärung einer Vergewaltigung.

Es liegt auch eine gewisse Ironie darin, ausgerechnet bei der technikkritischen Serie Black Mirror im Nachhinein sehen zu können, in welcher Sekunde ich auf Pause gedrückt habe. Nachdem ich diesen Datensatz gesehen habe, bin ich sehr froh, Sexszenen nie zurückgespult zu haben.

Netflix weiß aber nicht nur, was ich wie lange angeguckt habe, sondern auch, mit welcher IP-Adresse ich eingeloggt war. Egal, ob Smartphone, PC oder Playstation: Jedes Gerät, mit dem ich mich jemals in mein Konto eingewählt habe, hat das Portal registriert. In meinem Clickstream sehe ich auch, was ich beim Stöbern per Browser in welcher Sekunde angeklickt habe. In Zukunft werde ich sicherlich nicht "Sex" ins Suchfeld eingeben, wenn ich Sex and the City suche. Denn auch so etwas wird erfasst. Sogar der Chat mit dem Kundendienst ist protokolliert worden.

Die Datenabfrage hat mir geholfen, einen kritischen Blick auf das eigene Konsumverhalten zu werfen. Ich habe einen beachtlichen Teil meiner Freizeit damit verbracht, mich berieseln zu lassen. Im Nachhinein war vieles davon Zeitverschwendung. Mir drängt sich aber die Frage auf, ob eine derart umfassende Protokollierung meines Verhaltens überhaupt in meinem Interesse ist. Was Dritte aus solchen Daten ableiten können, ist nicht unerheblich.

Es sagt etwas über mich aus, wenn ich immer wieder bei bestimmten Szenen auf Stopp drücke oder aussteige. Es sagt etwas über meine Gemütslage aus, wenn ich plötzlich zu kitschigen Liebesfilmen wechsle. Aus den Dokumentationen, die ich mir anschaue, kann ein politisches Profil abgeleitet werden. Vor allem die langfristige Perspektive ist beängstigend. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie meine Fernsehgewohnheiten als Teenager ausgesehen haben. Und ich bin sehr froh, dass es auch kein anderer weiß. Für die Generation, die jetzt heranwächst, wird das leider nicht mehr gelten. Netflix kann Interessen ganzer Lebensabschnitte nachvollziehen.

Der Streamingdienst selbst gibt an, die Sehgewohnheiten seiner Nutzerinnen lediglich für die Verbesserung des Angebots auszuwerten. Aber was spräche dagegen, die dafür benötigten Daten zu anonymisieren? Es kann doch nicht zu viel verlangt sein, dass der Anbieter einem beim Streaming nicht ständig über die Schulter schaut. Jeder Browser hat einen Inkognito-Modus. Nachdem ich einen Blick auf meine Daten geworfen habe, hätte ich gerne etwas Vergleichbares für Netflix. Leider habe ich wenig Hoffnung, dass dieses Feature kommen wird. Derzeit untersagt mir das Unternehmen sogar, meine IP-Adresse per VPN-Verbindung zu verschleiern.

Bei Facebook oder Google wird oft argumentiert, dass Nutzer kostenlose Dienste eben mit der totalen Vermessung ihres Verhaltens bezahlen würden. Bei Netflix bin ich zahlende Kundin. Trotzdem werde ich wie ein Versuchskaninchen behandelt.