Es fühlte sich dann fast wie eine Erlösung an, als am Freitagabend die ersten Meldungen auftauchten. Hacker hätten Zugang zu rund 50 Millionen Facebook-Konten über eine Sicherheitslücke in dem sozialen Netzwerk gehabt. Insgesamt 90 Millionen Nutzerinnen und Nutzer seien von Facebook im Zuge der Gegenmaßen vorsorglich ausgeloggt worden, bei der Differenz von 40 Millionen sei noch nicht geklärt, ob deren Profile für die Hacker ebenso komplett durchforstbar gewesen seien. Die Betroffenen würden darüber in ihrem Newsfeed informiert, sobald sie sich wieder anmeldeten.

Ich bin einer der 90 Millionen, stellte ich fest am Freitagabend. Und mein erster Gedanke war: Damit habe ich endlich den einen Grund, um Facebook endgültig zu verlassen. Lange genug habe ich darüber bereits nachgedacht. Am Samstagmorgen habe ich dann tatsächlich eine Art Abschiedsbrief an meine Facebook-Freunde formuliert.

So wenig, wie Facebook bisher eine Aussage treffen konnte, wer nun wirklich betroffen ist vom data breach, so wenig konnte das Unternehmen das Ausmaß der Daten benennen, die womöglich kompromittiert wurden und sich in den Händen der Angreifer befinden könnten. Sind es lediglich die Angaben zu Name, Geschlecht, Heimatort? Es sei jedenfalls "unwahrscheinlich", dass die Hacker etwa Zugang zu den privaten Botschaften auf dem Facebook-Messenger gehabt hätten, teilte die Firma mit.

Wirklich vertraut habe ich Facebook nie

"Unwahrscheinlich" ist kein Wort, das man als mutmaßlich Betroffener hören möchte. Wirklich vertraut habe ich Facebook zwar nie, doch ich bin bisher stets davon ausgegangen, dass ich mir lediglich Gedanken darüber machen muss, auf welche Weise Facebook die Daten zu Geld macht, die ich der Plattform überlasse. Dass der Deal zwischen den Usern und Facebook ein Tauschgeschäft namens "Unsere Daten gegen die kostenlose Nutzung eures sozialen Netzwerks" lautete, hatte ich früh verstanden. 

Doch ich bin trotz all der zurückliegenden Enthüllungen darüber, wie bereitwillig Facebook Teile seines Datenbestandes Entwicklern mit dem Risiko zur Verfügung stellte, dass sie diese Daten an Dritte weitergeben könnten – wie etwa die ehemalige Datenanalysefirma Cambridge Analytica –, von einem ausgegangen: Facebook hat ein derart vitales Interesse am Schutz der Nutzerprofile, dass es sie bestmöglich absichern würde. Anderen Techkonzernen wie Apple und Amazon gelingt das ja auch.

Zuletzt hatte ich noch exakt 1.834 Facebook-Freunde. 1.834, das ist definitiv zu groß für einen Freundeskreis, ja, das ist nicht mal mit sehr viel Großzügigkeit ein erweiterter Bekannten- und Kollegenkreis. Ich kenne die meisten Leute nicht persönlich, mit denen ich auf Facebook verbunden bin.

Es ist eine etwas absurd anmutende Halböffentlichkeit, die über die Jahre aus selbst gestellten oder akzeptierten Freundschaftsanfragen anderer zusammengekommen ist: Die Herstellung unendlicher vieler solcher Halböffentlichkeiten war ja mal das elementar Neue an sozialen Medien. In meinem Fall war es immer noch ein überschaubares potenzielles Publikum für meine Botschaften, wenn ich denn mal welche hatte. Ich hatte diese Öffentlichkeit Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr, so wie alle anderen Facebook-User auch. Größer als das Publikum mancher Konzerte.

Und niemand brauchte Eintritt zu zahlen (außer eben mit persönlichen Daten). Doch der Algorithmus des Netzwerks regelte nach völlig intransparenten, sich fortwährend ändernden Regeln, wer etwas sah, was man postete. Wenn ich denn noch etwas postete. Ich habe so wie die andere Facebook-User auch meinen sozialmedialen Mitteilungsdrang irgendwann halbwegs in den Griff gekriegt. Keine besoffenen Botschaften nachts am Wochenende, keine Mitteilungen in überdrehten, melancholischen oder gar düsteren Stimmungslagen, auch keine in Zeiten reiner Freude – Contenance.

Elf Jahre komprimiert in 297,4 Megabyte

Samstagabend habe ich noch mal meinen kompletten Datensatz von Facebook heruntergeladen. Die 297,4 Megabyte an Informationen, die ich in elf Jahren meiner Mitgliedschaft produziert habe und in die die bislang (und womöglich auf ewig) unbekannten Hacker bis vor wenigen Tagen potenziell vollen Zugriff hatten. Alles, was Facebook von mir seit dem 15. August 2007 gespeichert hat, dem Beginn meiner seltsamen Beziehung mit diesem sozialen Netzwerk. Es war ein Mittwoch, steht da, um 8.28 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit habe ich mich angemeldet.

Insgesamt 335 Telefonnummern sind dort heute gelistet, viele davon doppelt. Die wurden offenbar bei Handywechseln hochgeladen, obwohl ich doch immer peinlich genau darauf achten wollte, meine Telefonkontakte nicht mit Social-Media-Plattformen zu teilen. Viele der Leute in meiner Kontakteliste sind nicht mal selbst auf Facebook. Ob die Nummern noch alle stimmen, weiß ich nicht, es gäbe wenig Grund, sie zu wählen. Außer vielleicht, wenn ich den Leuten erklären müsste, dass ich mindestens eine Mitschuld daran trage, dass Hacker in den Besitz dieser Nummern gekommen sind.