Einer der ersten, der sie bemerkte und öffentlich kommentierte, war jemand, der auf der Plattform Hacker News unter dem Benutzernamen "ronilan" auftritt. Das Portal richtet sich vor allem an Entwicklerinnen und Entwickler. Dort beschrieb ronilan wenige Tage nach der Veröffentlichung die neue Login-Funktion für Chrome und Gmail und stellte die Frage: "Das kann doch kein Fehler sein ... oder?" Doch so richtig interessierte das nur die Leserinnen und Leser von Hacker News, nicht die breite Öffentlichkeit. Das änderte sich erst, als der Kryptografieexperte Matthew Green, Professor an der John-Hopkins-Universität in Baltimore, dem neuen Feature einen Blogeintrag widmete und ankündigte, Chrome deshalb nicht weiter verwenden zu wollen. Kurze Zeit später twitterte der Technikexperte Christoph Tavan, dass sich eben auch Cookies nicht mehr so einfach löschen ließen. Medien griffen die Empörung auf, was wiederum zu noch mehr Empörung und noch mehr Berichterstattung führte. 

Besonders der Blogpost von Green wies auf ein paar ernste Probleme hin: Die neue Funktion des Logins bei Gmail und Chrome sei vor allem für diejenigen von Vorteil, die sich ohnehin in Chrome einloggten – nicht für diejenigen, die nur ihre Nachrichten auf Gmail abrufen wollten. Green kritisierte auch das Design der Synchronisierung und bezeichnete es als dark pattern: Denn der Knopf, mit dem sich die Daten an Google übertragen lassen, war nur mit "Synchronisieren als [Name des Nutzers]" gekennzeichnet. Es sei nicht klar, ob die persönlichen Informationen des Nutzers schon übertragen worden seien oder mithilfe dieses Knopfes übertragen werden könnten, schrieb Green.

Wer sich gerade die neue Version heruntergeladen hat und sich erstmals im Browser anmeldet, der muss sich sogar explizit gegen die Synchronisierung entscheiden, wie ein Test von ZEIT ONLINE zeigt. Sonst werden mit dem ersten Login auch gleich die Daten übertragen. 

Als die ersten Proteste gegen die Chrome-Neuerungen laut wurden, verfolgte Google zunächst eine klassische "Ist doch alles gar nicht so schlimm"-Strategie. Die Funktion sei ja von Vorteil für all diejenigen, die sich den Rechner teilten, schrieb etwa die Google-Managerin Adrienne Porter Felt auf Twitter. Heißt: Wenn eine Nutzerin im Browser angemeldet ist und ein Freund von ihr auf demselben Rechner seine Gmail-Nachrichten abrufen will, dann würde sie möglicherweise auf ihn zugeschnittene Werbung oder von ihm aufgerufene Websites angezeigt bekommen. Das wäre erst mal nur für Google selbst ein Problem, weil die Suchmaschine dann möglicherweise falsch personalisierte Werbung ausspielt. Nur wenn der Freund auch die Synchronisierung verwendet, wäre es möglicherweise zu seinem Nachteil, weil dann auch seine Passwörter auf dem Gerät angezeigt werden könnten. Zur Synchronisierung hieß es vom Unternehmen lediglich, dass es keine automatische zwischen Gmail- und Chrome-Daten gebe, mehr nicht. Welche anderen Informationen durch die Verknüpfung von Browser und Google-Konto möglicherweise ausgetauscht werden, führte es nicht aus.

Ein Profiteur namens Apple

Die Strategie erinnerte ein wenig an die von Facebook. Auch dieses Techunternehmen betont nach jeder neuen Änderung der Privatsphäreeinstellungen, dass es lediglich den Bedürfnissen vieler Nutzerinnen und Nutzer entgegenkomme. Nur hält das Netzwerk den Shitstorm meist einfach aus und wartet darauf, dass sich die Aufregung wieder legt (was immer wieder erstaunlich gut gelingt).

Das versuchte auch Google zunächst. Doch die Empörung hielt über mehrere Tage an. So lange, dass das Unternehmen am Dienstagabend zur Mea-culpa-Strategie wechselte: Es versprach, die Login-Funktion ab der Chrome-Version 70 wieder nur als Option anzubieten und die Synchronisierung deutlicher zu kennzeichnen.

Die Firma aber hat durch ihr zweifelhaftes Update weiteres Vertrauen verloren und ihr negatives Image als Datenstaubsauger verfestigt. Besonders Menschen wie Green, die Google zwar auch vorher schon nicht unbedingt trauten, aber zumindest Chrome schätzten, könnte das Unternehmen verprellt haben. Wie Facebook hat sich Google gleichgültig gegenüber den digitalen Grundbedürfnissen seiner Nutzerinnen und Nutzer gezeigt. Zu diesen zählt eben auch, dass ein Unternehmen nicht alle Daten, die es sammeln kann, tatsächlich auch zu sammeln versucht. Die Empörung, die diese Erkenntnis auch im Jahr 2018 noch auslösen kann, hat Google offenbar unterschätzt.

Ein Profiteur von Googles Fauxpas könnte unter anderem der alte Konkurrent Apple sein, zumindest Mac-User könnten zum hauseigenen Browser Safari wechseln (die PC-Version "Safari for Windows" ist veraltet und wird nicht mehr upgedatet). Kurz bevor Google für die neuen Funktionen öffentlich kritisiert wurde, hat Apple ein Safari-Update vorgestellt. Die neueste, zwölfte Version soll Nutzerinnen und Nutzern laut Apple helfen, sich noch besser vor "Verfolgern" im Netz zu schützen: Internetanbieter oder Werbetreibende sollen das Surfverhalten nicht mehr so einfach über mehrere Seiten hinweg verfolgen können. Zwar ist der Schutz der Privatsphäre kein Alleinstellungsmerkmal von Apple, nichtkommerzielle Anbieter wie das Tor Project oder die Mozilla-Stiftung propagieren den mit ihren Browsern Tor und Firefox schon seit Jahren. Aber der Safari-Browser ist derzeit der größte Konkurrent für Chrome.

Und Apples geschickte PR-Kampagne, die besonders auf die neuen Datenschutzfunktionen des Browsers abhebt, entblößt die offene Flanke, die Google bietet: Der Suchmaschinenkonzern erzielt einen Großteil seines Umsatzes damit, die Daten seiner Nutzer zu Geld zu machen. Diese zu schützen, liegt also nicht gerade in Googles Interesse. Deshalb wird jede Veränderung an jedem Produkt des Hauses auch in Zukunft stets Argwohn schüren: Was hat Google jetzt wieder mit unseren Daten vor?