Der Flug war verspätet, der Anschlussflug wartet schon, der Kopf tut weh. Nur noch schnell durch die Passkontrolle, dann geht es hoffentlich weiter. Doch der Grenzbeamte am Einreiseschalter hat andere Pläne. Kritisch fragt er, was denn der Anlass der Reise sei, wo es hingehe. Und dann das: Bitte einmal dem Kollegen in den Nebenraum folgen, den Rucksack öffnen und Smartphone und Laptop aushändigen. Man wolle nur mal einen Blick drauf werfen, keine Sorge, ist nur Routine.

Nur Routine? Mit dem Start der Sommerferien in vielen Bundesländern beginnt in Deutschland nun die Reisesaison. Und damit auch der Stress, den es bei der Einreise in Länder außerhalb der EU geben kann. Die Grenzbeamten interessiert dabei längst nicht mehr nur das Gepäck, sondern auch elektronische Geräte und die darauf gespeicherten Daten: Smartphones, Laptops, Tablets und Kameras. Anfang Juni wurde bekannt, dass Reisende in die USA auf Visaformularen künftig auch Mailadressen und Social-Media-Profile angeben müssen. Zusätzlich stieg in den vergangenen Jahren die Anzahl der an der US-Grenze durchsuchten elektronischen Geräte.

Gemessen daran, wie viele Millionen Menschen insgesamt in die USA gereist sind, treten diese Untersuchungen weiterhin nur im Promillebereich auf. Trotzdem warnt die US-Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU): Die Durchsuchung elektronischer Geräte an der Grenze, oft unter dem Vorwand der Terror- und Kriminalitätsbekämpfung, wird häufiger, und das nicht nur in den USA. Längst gibt es auch Berichte aus anderen Ländern wie der Türkei, Russland, Ägypten und Israel. In Neuseeland droht Touristen seit vergangenem Herbst sogar eine Strafe, wenn sie für Zollbeamte Handy oder Laptop nicht entsperren wollen.

In China installiert die Grenzpolizei Spionage-Apps auf Handys

In China gehen die Behörden noch einen Schritt weiter. Laut Recherchen internationaler Medien, darunter der Süddeutschen Zeitung, soll die chinesische Regierung Touristen und Geschäftsleuten bei der Einreise Spionagesoftware auf ihre Smartphones gespielt haben. Die App greift auf Kalendereinträge, Anruflisten, Kontakte und Nachrichten zu und lädt sie auf Computer der chinesischen Grenzpolizei. Außerdem durchsucht sie die Inhalte auf dem Smartphone nach verdächtigen Dateien. Fengchai heißt die App – das heißt in etwa "sammelnde Honigbiene". Ihr Einsatz stellt einen gravierenden Eingriff in die Privatsphäre von Reisenden dar. Davon betroffen sein soll, wer über den Landweg von Kirgistan in die autonome Region Xinjian einreist. 

"Wir beobachten die Entwicklung kritisch", sagt Esha Bhandari im Gespräch mit ZEIT ONLINE, "denn es handelt sich häufig um einen Angriff auf die Persönlichkeitsrechte." Bhandari ist Anwältin der ACLU in New York und eine Expertin für Grenzkontrollen, vor allem in den USA. Sie vertritt Menschen vor Gericht, die ihrer Ansicht nach unrechtmäßig an der Grenze gefilzt wurden. Gleichzeitig weiß sie, wie Reisende ihre Daten und Geräte auf ihren Reisen schützen können.

Ein Smartphone kann schließlich viel mehr zahlreiche private Informationen enthalten als ein Koffer oder Rucksack: von privaten Mails und WhatsApp-Nachrichten hin zu medizinischen Befunden, Kontodaten und Passwörtern. Und wer Angst hat, dass seine Social-Media-Profile durchleuchtet werden, zensiert sich womöglich vorbeugend selbst – die Meinungsfreiheit könnte somit auf Umwegen eingeschränkt werden. Zudem können die Durchsuchungen psychisch belastend sein, wie etwa ein aktueller Erfahrungsbericht des Journalisten Seth Harp zeigt, der stundenlang in einem hellen, extrem heruntergekühlten Raum am Flughafen von Austin mit ansehen musste, wie Beamte die Inhalte seines Laptops durchleuchteten. Eine Britin erzählt in einem Beitrag für Vice, dass sie fast 24 Stunden lang in Los Angeles verhört wurde, und nun aufgrund einer zwei Jahre alten Nachricht über Kokain nun nicht mehr in die USA einreisen darf.

Muss ich vor Grenzbeamten mein Smartphone entsperren?

Und so stellt sich für Reisende natürlich die Frage, welche Rechte sie eigentlich haben: Muss ich bei der Einreise elektronische Geräte inklusive der Passwörter herausrücken? Oder benötigen die Beamten erst einen Durchsuchungsbefehl? Eine pauschale Antwort gibt es nicht – jedes Land hat seine eigenen Gesetze. Für die USA jedenfalls ist der Fall klar: Grenz- und Zollbeamte dürfen Untersuchungen ohne Durchsuchungsbefehl und ohne Tatverdacht durchführen. Das ist durch die sogenannte Ausnahmeregel für Grenzdurchsuchungen geregelt.

Wer bei der Einreise in die USA also gebeten wird, seine Geräte auszuhändigen, sollte das auf jeden Fall tun – sonst drohen weitere Konsequenzen. Auch sollte man die Beamten nie anlügen, denn das ist eine Straftat. Komplizierter wird es, wenn es darum geht, die Geräte zu entsperren.

"Es gibt verschiedene Ansichten. Aber wir glauben, dass aus juristischer Sicht niemand dazu gezwungen werden kann", sagt Anwältin Esha Bhandari. Die Beamten können die Reisenden aber freundlich darum bitten. Wer dieser Bitte nicht nachkommt, hat womöglich ein anderes Problem: Die Beamten können die Geräte nämlich für eine weitere forensische Untersuchung konfiszieren, auch für einen längeren Zeitraum. Und während US-Bürgerinnen und Bürgern die Einreise prinzipiell nicht verwehrt werden darf, sieht das bei Touristen oder Geschäftsreisenden anders aus.