Altern ist in unserer Gesellschaft oft ein heikles Thema. So heikel, dass sich manche Menschen lieber ihre Falten wegspritzen lassen, beim Geburtsjahr schummeln, Verjüngungsmethoden entwickeln oder gar am ewigen Leben werkeln. Die einfachste Art, um nicht so alt auszusehen: sich auf Fotos per App rasch mit einem Filter liften zu lassen.

Glücklicherweise gibt es dazu jetzt den Gegentrend: Menschen teilen derzeit massenweise Fotos, die zeigen, wie sie im hohen Alter aussehen könnten. Besonders einfach herstellen lassen sich solche Bilder mit FaceApp. Nutzerinnen und Nutzer können in der App ein aktuelles Foto von sich (oder jemand anders) hochladen. Das System macht daraus ein Bild, das die fotografierte Person in einigen Jahrzehnten darstellt: mit Falten, weißen Haaren, verknautschtem Gesicht. Und nun gibt es überall Vorher-nachher-Bilder im sozialen Netz unter dem Hashtag #FaceAppChallenge. Auch die Popsängerin Miley Cyrus oder die Band Jonas Brothers machen mit.

Eine App als "nationales Sicherheitsrisiko"?

Ziemlich lustig, wären da nicht die Datenschutzbedingungen. Wer FaceApp nutzt, erlaubt den Machern, die dort erstellten Inhalte unbefristet, unwiderruflich, gebührenfrei und weltweit zu verwenden. Auch die kommerziellen Rechte muss man der App einräumen. Heißt: Entscheiden die Macher, mit dem Bild einer Nutzerin zu werben, bekommt sie keinen Cent dafür und kann sich nicht einmal dagegen wehren.

Will ein Nutzer ein Foto bearbeiten, landet das zudem automatisch auf einem externen Server. Dem US-Magazin Forbes zufolge handelt es sich dabei um Amazon- oder Google-Rechner. Zwar können Userinnen Bilder löschen. Doch sie können trotzdem auf den Servern liegenbleiben. In den Datenschutzbedingungen stimmt man nämlich zu, dass Inhalte unbegrenzt lange gespeichert werden dürfen, auch wenn man den Inhalt längst entfernt hat.

Und was viele nicht wissen: FaceApp kommt aus Russland. Wireless Lab, das Unternehmen hinter dem Programm, sitzt in St. Petersburg. In den USA, wo die russische Regierung die letzten Präsidentschaftswahlen digital beeinflusst haben soll, sorgt allein diese Information schon für Skepsis. Der amerikanische Politiker Chuck Schumer sieht in FaceApp ein "nationales Sicherheitsrisiko". In einem Brief fordert er das FBI auf, zu überprüfen, ob die Daten amerikanischer Bürgerinnen und Bürger in die Hände der russischen Regierung gelangen könnten. In Zeiten von Gesichtserkennung sei es essenziell, dass die Nutzer wüssten, wie sie ihre persönlichen und biometrischen Daten sichern könnten, schreibt Schumer.

Die Macher selbst dementieren solche Gerüchte. "Wir teilen und verkaufen keine Nutzerdaten an irgendwelche dritten Parteien", sagte FaceApp-Gründer Yaroslav Goncharov Forbes. Die Nutzerdaten würden nicht nach Russland geschickt. Inhalte würden zudem meistens direkt in der Cloud bearbeitet und nicht auf Servern gespeichert.

Likes statt Privatsphäre

Neu sind solche Diskussionen nicht. Ähnlich lief es 2016 schon mit der App Prisma. Sie verwandelt Bilder in kleine Kunstwerke, die sich genau wie die FaceApp-Fotos schnell in den sozialen Medien verbreiteten. Auch da gab es Datenschutzbedenken, auch da gab es Verbindungen nach Russland. Dennoch luden sich etliche Nutzerinnen und Nutzer die App herunter.

Privatsphäre ist schnell vergessen, wenn man irgendwo ein paar Likes abstauben kann oder auch nur kurz rumalbern will. Natürlich weiß fast jeder, dass man erst einmal die Datenschutzbedingungen lesen sollte. Aber es wäre zu einfach, die Nutzer verantwortlich zu machen. Schließlich sind es die Unternehmen, die die Daten verwenden wollen. Dann sollten sie auch explizit darauf hinweisen müssen, wenn sie Daten außergewöhnlich lange speichern oder kommerziell verwenden.

Immerhin haben solche Netzphänomene auch etwas Gutes: Genauso schnell, wie sie auftauchen, verschwinden sie meist auch wieder. Und so kann man davon ausgehen, dass auch der Hype um die FaceApp nicht besonders alt wird.