Hört da wer mit? Sind gelöschte Bilder wirklich weg? Macht mich mein Smartphone süchtig? Welche dieser Sorgen berechtigt sind, welche übertrieben, beantwortet der ZEIT-ONLINE-Schwerpunkt "Digitale Ängste". Dieser Artikel ist Teil davon.

ZEIT ONLINE: Herr Waidner, laut einer Bitkom-Umfrage aus dem Jahr 2018 klebt jeder vierte Nutzer die Kameras seiner Computer und Smartphones ab. Auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg und der ehemalige FBI-Chef James Comey machen das. Sie kennen die Sicherheitsbedrohungen als Informatik-Professor und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie (SIT) gut. Kleben auch Sie die Kameras ihrer Geräte ab?

Michael Waidner: Ja, das mache ich tatsächlich.

ZEIT ONLINE: Warum?

Waidner: Digitale Geräte, die Kameras oder Mikrofone enthalten, sind die perfekten Wanzen. Das betrifft Mobiltelefone, PCs, intelligente Lautsprecher, smarte Fernseher. Wenn es eine Person darauf anlegt, kann sie mit einem Schadprogramm die Kontrolle über meinen Rechner übernehmen. Das muss man sich vorstellen wie ein trojanisches Pferd: Man merkt gar nicht, dass einen da jemand angreift. Es reicht schon, dass man seinen Laptop ganz normal verwendet, Webseiten besucht, E-Mail-Anhänge öffnet.

Michael Waidner ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie, Informatik-Professor an der TU Darmstadt und Direktor des Nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit CRISP. © Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie

ZEIT ONLINE: Habe ich nicht ganz andere Probleme als meine Kamera, wenn jemand in meinen Rechner eindringt?

Waidner: Vielleicht, aber das spricht ja eher dafür, dass man alle Probleme angeht, die auftauchen können. Die negativen Auswirkungen, die es haben kann, wenn Fremde Zugriff auf digitale Daten bekommen, können natürlich sehr vielfältig sein. Dafür kann man sich alle möglichen Szenarien vorstellen. Mein Rechner steht zum Beispiel jeden späten Nachmittag und Abend in meinem Arbeitszimmer. Wer es darauf anlegt, kann mich dort gut überwachen: Er kann über die Kamera sehen, was ich tue, über Mikrofone mithören, was ich sage, und über Keylogger möglicherweise sogar sehen, was ich schreibe. Ein Großteil meines Lebens kann aufgezeichnet werden.

ZEIT ONLINE: Manche würden jetzt argumentieren, dass das ja nicht so schlimm sei, sie hätten sowieso nichts zu verbergen.

Waidner: Ich glaube kaum, dass es jemand okay fände, wenn heimlich aufgezeichnete private Gespräche und abgegriffene Unterlagen veröffentlicht würden. Das Problem ist nicht, dass man etwas Verbotenes tut, sondern dass man nach solchen Angriffen häufig erpresst wird. Hacker könnten zum Beispiel damit drohen, persönliche Videoaufnahmen von Ihnen zu veröffentlichen. Ist die Kamera abgeklebt, könnten solche Aufnahmen gar nicht erst gemacht werden. Und umgekehrt kann es einem auch helfen, falsche Erpressungsversuche zu entlarven.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Waidner: Häufig haben Kriminelle gar nichts abgegriffen, sondern behaupten einfach nur, dass sie irgendwelche persönlichen Videoaufnahmen von Ihnen hätten. In einer E-Mail fordern sie dann zum Beispiel 1.000 Euro in Bitcoin von Ihnen, damit sie das vermeintliche Material nicht veröffentlichen. Da kann es beruhigend sein, wenn Sie gar nicht erst darüber nachdenken müssen, was darin zu sehen sein könnte, weil Sie die Kamera ohnehin abgedeckt haben.

Wer sensible Verhandlungen führt, sollte sein Mobiltelefon gar nicht erst mitnehmen.
Michael Waidner, Experte für IT-Sicherheit

ZEIT ONLINE: Sie haben gerade schon angesprochen, dass auch Mikrofone eine Angriffsfläche bieten. Die kann man nicht einfach abkleben. Wie kann man sich gegen Lauschangriffe über das Smartphone oder den Laptop schützen?

Waidner: In manchen Laptops kann man Mikrofone physisch abschalten. Das hilft natürlich. Bei Smartphones würde ich raten: Wer sensible Verhandlungen führt oder über vertrauliche Informationen spricht, sollte sein Mobiltelefon gar nicht erst mitnehmen. Denn dann kann es gar nicht erst als Wanze eingesetzt werden. Tatsächlich ist das Aufzeichnen mit Mikrofonen aber ein Problem, dagegen kann man sich deutlich schlechter schützen als gegen unerwünschte Kameraaufnahmen.