Das Telefon von Amazon-Gründer Jeff Bezos ist nach Einschätzung von Experten möglicherweise gehackt worden, nachdem er eine Datei vom WhatsApp-Account des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman erhalten hatte. Das geht aus einer Analyse von IT-Forensikern hervor, die das Handy von Bezos untersucht haben. Den Bericht hatte Vice am Mittwoch veröffentlicht.

Bezos ist Besitzer der Zeitung Washington Post, für die der Kolumnist Jamal Khashoggi gearbeitet und darin kritisch über Saudi-Arabien berichtet hatte. Khashoggi wurde im Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul getötet. Kronprinz Mohammed wurde verdächtigt, die Tötung angeordnet zu haben, weil einige der in den Mord verwickelten Agenten direkt für ihn tätig waren.

Dem Bericht zufolge fanden die IT-Forensiker der Unternehmensberatung FTI Consulting zwar "keine bekannte Malware" und "keinen Beweis für Jailbreaking-Werkzeuge oder bekannte iOS-Exploits" auf dem iPhone X von Bezos. Die Daten zeigten jedoch, dass Bezos ein Video von dem WhatsApp-Account des Kronprinzen erhalten habe und es in den Stunden danach zu "einem anormalen und extrem veränderten Verhalten des Telefons" gekommen sei. Enorme Datenmengen seien in den kommenden Monaten von dem Telefon übertragen worden.

Eine wahrscheinliche Erklärung dafür ist laut dem Bericht der Gebrauch einer Spionagesoftware "wie Pegasus von der NSO Group". Die Software kann unter anderem SMS mitlesen, Anrufe abfangen und Aufenthaltsorte verfolgen. Laut der Analyse sei es nicht verwunderlich, dass die IT-Forensiker keine Spionagesoftware fanden, da derartige Produkte oftmals einen Selbstzerstörungsmechanismus enthielten.

UN-Experten fordern Ermittlungen

Der mutmaßliche Angriff auf das Handy von Bezos und von weiteren Opfern müsse eine "sofortige Ermittlung" durch die USA und andere zuständige Stellen nach sich ziehen, forderten die UN-Sonderberichterstatter Agnès Callamard und David Kaye. Callamard und Kaye verwiesen in ihrer Stellungnahme auch auf die ihnen vorliegende forensische Untersuchung.

Sie zeigten sich "schwer besorgt" und forderten, mögliche Ermittlungen sollten auch die "regelmäßige, jahrelange, direkte und persönliche Beteiligung" des Kronprinzen beim Vorgehen gegen Oppositionsanhänger einbeziehen. Der Hackerangriff auf das Handy von Bezos habe darauf abgezielt, die Berichterstattung der Washington Post über Saudi-Arabien zu beeinflussen oder "zum Schweigen zu bringen". 

Die saudi-arabische Botschaft in Washington wies die Vorwürfe zurück. Im Dezember berichtete das saudische Staatsfernsehen, fünf Personen seien im Mordfall Khashoggi zum Tode verurteilt worden. Saudi-Arabien hat die Verfahren gegen die Beschuldigten fast vollständig im Geheimen abgehalten.