Nicht noch eine Videokonferenz! In Corona-Zeiten sind selbst die Veranstaltungen, die sonst eine besondere Atmosphäre ausstrahlen, häufig nur Pixelbrei auf dem Bildschirm. Wie der Chaos Communication Congress, das Jahrestreffen der Hackerinnen und Hacker, der nach vier Tagen am 30. Dezember geendet ist. Die Veranstalter haben sich deshalb eine 2D-Welt ausgedacht, um die ungewöhnliche Atmosphäre der Konferenz ins Virtuelle zu übertragen: Zusätzlich zu den Vorträgen konnte man sich dort mit Avataren bewegen und andere digital treffen. Daran mitgewerkelt haben mehr als 100 Menschen. Drei von ihnen sind Coco, Mullana und Psy, die wie viele Hackerinnen im CCC-Kontext nur unter ihren Netzpseudonymen öffentlich auftreten. ZEIT ONLINE hat mit ihnen über Hilfsbereitschaft, Weltverbesserung bis zum Schluss und Klopartys gesprochen.

ZEIT ONLINE: Ihr drei habt mitgebaut an der 2D-Welt des Chaos Communication Congresses, einer kleinen pixeligen Karte, die ein wenig an Gameboy-Spiele aus den späten Neunzigern erinnert. Man steuert einen Avatar durch die Welt, kann verschiedene Räume betreten, in denen Vorträge gestreamt werden, oder einfach die grellbunte Umgebung erkunden. Begegnen sich zwei Figuren und bleiben stehen, startet ein Videochat. So soll die Atmosphäre des analogen Chaos Communication Congresses in die digitale Welt übertragen werden. Klappt das?

Coco: Schwierig. Die Erfahrung, mit einer Mate in der Hand in der Hängematte zu liegen und mit fremden Leuten zu quasseln, während im Hintergrund Musik dröhnt, kann man nicht richtig nachfühlen, wenn man zu Hause auf dem Sofa sitzt. Aber wir geben uns Mühe, das Gefühl so gut wie möglich nachzubauen, indem man in der 2D-Welt zufällig Leute treffen kann. Oder einfach weitergehen. Als wäre man wirklich vor Ort.

Psy: Vergangenes Jahr war uns noch gar nicht klar, wie das werden wird in einer 2D-Welt. Da war erst einmal nur der Impuls: Nur Vorträge gucken ist irgendwie doof und langweilig. Also bauen wir noch etwas dazu. Und so entstand die Idee zur 2D-Welt.

Mullana: Wir haben es jedenfalls besser hingekriegt, als wir anfangs dachten. Es kommt schon ein bisschen Kongressfeeling auf, wenn man durch die 2D-Welt läuft.

ZEIT ONLINE: Wie entsteht diese Welt?

Mullana: Wir als Map-Team kümmern uns um die Karten und stellen quasi die Basiswelt zur Verfügung. Für die bauen wir ein Grunddesign, das sich durchzieht. 2020 war das Motto die Raumstation, wo wir alle zusammen in der Isolation durchs Weltall gedriftet sind. Und dieses Jahr ist es ein Inselatoll, auf dem alle verlorenen Dinge gestrandet sind. Von dort aus kann man zu anderen Karten gelangen. Ich bin die Hauptpixelerin für diese Basiswelt. Die ganze Welt besteht aus Fliesen, auf Englisch tiles, die 32 mal 32 Pixel groß sind. Ich bastele die Tile-Sätze, aus denen man sich dann die Welt zusammenbauen kann. Die verteile ich an alle, vor allem an das Map-Team und Coco.

Ein Avatar-Selfie von Teilen des Organisationsteams in der 2D-Welt (mittig, an der Rakete) © Screenshot Mullana /​ CCC

Coco: Mein Job schließt sich direkt daran an. Ich mache mir eine leere Karte und baue mit den Fliesen von Mullana die Welt da rein. Ich stempele mir aus Sandflächen und aus Felsstücken Inseln zusammen. Und wenn ich noch Dekoration brauche, nehme ich auch mal ein Zeichenprogramm und pixele mir ein Tile-Set zusammen, das ich dann überall hinstempele, wo ich es hübscher haben möchte. Dann folgen noch Wege und Stillzonen und Redezonen und Wände.

Mullana: Und am Ende werden die Portale zu den Assemblies gebaut.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Coco: Wenn man mit einer Spielfigur auf ein Portal geht, verlässt man die Karte, auf der man gerade steht, und eine andere wird geladen. Man taucht also an einem anderen Ort wieder auf. Für jede der 236 Assemblies, also jede Gruppe im CCC, die an diese Welt andocken will, braucht es ein solches Portal.

Mullana: Ein großer Teil des echten Kongresses ist die Kreativität der Beteiligten. Selbst wenn jemand kein offizieller Helfer, auf dem Kongress heißen sie Engel, ist, macht jeder etwas für die Atmosphäre und bringt etwas mit. Das ist in der digitalen Welt genauso: Wir bauen die Basis und jede Assembly kann ihren Teil mitbauen. Da entsteht ein riesiger Haufen an Kreativität und verrückten Ideen.

Coco: Manches funktioniert in der 2D-Welt sogar noch besser. Es gibt Gruppen, die auf dem echten Kongress vielleicht zehn Quadratmeter dekoriert haben mit einfachen Mitteln. Und jetzt haben sie auf einmal eine riesige Welt mit Palmenstrand und versteckten Kellern mit Labyrinthen und so. Das wäre in echt gar nicht machbar.