Die 22-jährige Jennifer Löhr macht seit zehn Jahren Jagd auf Männer. Sie trifft sie gern, am liebsten in den Kopf. Die Fachinformatikerin gilt als eine der besten Counter-Strike-Spielerinnen Deutschlands. Sie und ihre Snogard Dragons zocken als erstes rein weibliches Team in der sonst von Männer-Mannschaften beherrschten ersten Liga für Computerspiele.
 
Jennifer Löhr ist Counter-Strike-Fan der ersten Stunde. Ihr Bruder brachte sie drauf. "Im Juni oder Juli 1999 hab ich das zum ersten Mal gespielt." Der Sommer 1999 war prägend für das Internet-Zeitalter: Die Telekom vergab die ersten DSL-Anschlüsse und in den USA modifizierten zwei Informatik-Studenten den Ego-Shooter "Half-Life"; ihre Variante nennen sie Counter-Strike.

Das Spielprinzip begeistert seit zehn Jahren: Fünf Polizisten gegen fünf Terroristen, zwei Teams agieren gegeneinander, verbunden über Heimnetzwerk oder Internet. Das virtuelle Räuber-und-Gendarm verzückt zockende Jugendliche, Politiker drohen immer wieder mit Verbot.

Schon als kleines Mädchen daddelte Jennifer Löhr mit den Freunden ihres Bruders auf sogenannten LAN-Partys ganze Wochenenden durch. "Ich durfte mitmachen, aber als ich noch klein war, hat mich meine Mutter immer um zehn ins Bett geschickt", erinnert sich die heute 22-Jährige. Die Mutter unterstützte ihre daddelnden Schützlinge, kaufte sogar vor den langen Spieleabenden für alle ein. Und tatsächlich weckte das Computerspielen das Interesse der jungen Frau für Technik.

Heute arbeitet Jennifer Löhr nach einer Ausbildung zur Fachinformatikerin beim Eisenbahnbundesamt. Dabei ist sie kein nerdiges Mädchen gewesen, als Jugendliche hat sie Leichtathletik gemacht und sogar Ballett getanzt. Aber Counter-Strike ist am Ende das Hobby, dem sie die Treue hält.

In der Szene braucht jeder einen Spitznamen; Lunatic – verrückt, nennt sich Jennifer Löhr. "Das war das erste Wort im Wörterbuch, was ich gut fand", sagt sie. Aus "Lunatic" wird eine der besten Counter-Strike-Spielerinnen Deutschlands. Ihre Lieblingswaffe ist das Scharfschützengewehr, das ist gut für Kopfschüsse. Sie liebt den Nervenkitzel, besonders in aussichtslosen Situationen: "Einer gegen Fünf und dann gewinnen, das gibt einen Adrenalinstoß, der einen aufputscht, " sagt sie. Ihr Hobby sieht sie als Sport, sogenannter E-Sport. Sie trainiert regelmäßig und fährt auf Turniere mit ihren Teams, Clans heißen die im E-Sport.
 
Ihr aktueller Clan heißt Snogard Dragons. Für den spielt sie Counter-Strike in der höchsten Spielklasse der Electronic Sports League (ESL). In die erste Division der ESL kamen bisher nur wenige Frauen, um den Titel ringen ausschließlich Männer. Aber ihr Clan entlässt im Sommer seine gesamte alte Mannschaft, alles junge Männer, und verpflichtet fünf Damen um Jennifer Löhr, das erste reine Frauenteam. Das wäre, als ob Bayer Leverkusen seine Kicker feuert und stattdessen die Spielerinnen von Turbine Potsdam anheuert. Eine Maßnahme für Sponsoren, wie die Szene argwöhnt.
 
Hardcore-Fans stört, dass sich die fünf jungen Frauen ihren Platz nicht erkämpft haben, sondern von den Managern ihres Clans dorthin gesetzt wurden. "In Kommentaren werden wir beleidigt oder als Dauerversager beschimpft." Doch sie bekommen auch Zuspruch: "Viele Jungs finden es toll, dass wir uns nicht unterkriegen lassen", sagt Jennifer Löhr. Was sie besonders freut: "Die weiblichen Spieler stehen hinter uns." Normalerweise gibt es da viel Zickenterror.
 
Das Ziel der fünf Snogard Dragons: wenigstens ein Match gewinnen; bisher kassierten sie nur Niederlagen gegen die Männerteams. "Das Bild ist aber verzerrt", erklärt Tobias Merklinghaus, Pressesprecher des Liga-Betreibers ESL. "Bisher ging es für die fünf nur gegen Spitzenmannschaften, wenn sie gegen weniger gute Teams spielen, könnte das schon anders aussehen."
 
Ihren Tag hat Jennifer Löhr auf ihren Sport ausgerichtet; zwischen sechs und sieben Uhr morgens geht sie ins Büro, nachmittags ruht sie sich aus, kauft ein oder trifft ihren Freund. Fast jeden Abend sitzt sie dann drei oder vier Stunden vor dem PC und zockt mit ihren Teamkameradinnen, verbunden via Internet.
 
"Viele Frauen sind nicht so ehrgeizig", sagt Jennifer Löhr. Außerdem spielen Männer aggressiver. "Wir sind manchmal zu vorsichtig." Ihr Team macht sich vor Matches auch zu viele Gedanken, daher fehle die Leichtigkeit. Bei der Partie gegen die Jungs von Mousesports, dem Meister der letzten Saison, hätten sie einfach entspannt ein paar Runden mithalten können.

In Bochum geht es jetzt gegen die Titel-Favoriten aus Köln, den Clan n!Faculty. Es soll sogar schon ein paar Fanclubs der fünf Killerladys geben, die sie anfeuern.