Gemütliche Geselligkeit ist so was wie ein deutscher Exportschlager. International gilt die deutsche Leidenschaft für gesellige Spielerunden als legendär, die deutsche Spiele- und Entwicklerszene im Brettspielbereich als die größte der Welt. Auch auf der weltgrößten Spielemesse in Essen ließ sich beobachten, wie die Massenkultur der Computerspiele und die deutlich kleinere Brettspielszene zusammenkommen.

Kaum ein erfolgreiches Brettspiel hat es in den vergangenen Jahren nicht auf PC, Spielkonsole oder sogar iPhone geschafft. Den Brettspielklassiker Siedler von Catan gab es bereits in den neunziger Jahren als CD-ROM für den heimischen Computer. Beim Millionenseller Carcassone wetteifern inzwischen Tausende User nicht nur im Familienkreis, sondern auch online um den Einfluss auf Städte, Wiesen und Straßen. Auch Reiner Knizia, Erfinder von Carcassone und hundert weiteren erfolgreichen Brettspielen, entwickelt inzwischen eigene, der Brettspielwelt entlehnte, Casual Games für das iPhone. Dabei bleibt er mit Knights of Charlemagne (für 1,59 € im App-Store zu kaufen) dem Mittelalter-Setting genauso treu wie die dort angebotene Version von Catan. Marktführer Ravensburger hat im Mai auf den Trend reagiert und will mit der Gründung der Ravensburger Digital in der virtuellen Brettspiele-Szene mitmischen. Doch auch umgekehrt wechseln mitunter Entwickler die Seiten. So konzipiert etwa der tschechische Spieleautor Vlaada Chvátyl nun Brettspiele, früher war er Gamedesigner. Chvàtyl begründet das damit, dass er sich auf einer Veranstaltung Computer- und Brettspieler angeguckt habe und die Brettspieler letztlich die "spannenderen Leute" gewesen seien.

Tatsächlich weist die Entwicklung von Computerspiel- und Brettspielwelt eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten auf. So stammt eine illustre Reihe von Computerspielentwicklern aus dem klassischen Brettspiel-Design. Ende der achtziger Jahre enterten viele der heutigen Designer-Legenden wie Sid Meier (Civilization) oder Bruce Shelley (Age of Empires) das Computerspiel-Business, nachdem sie zuvor an der Konzeption von Brettspielen beteiligt waren. Dabei mischte sich ihr konzeptionelles Denken mit der damaligen Computerspieltechnik, – was eine ganze Branche revolutionieren sollte: Nicht nur der anhaltende Verkaufserfolg der klassischen Titel gab ihnen Recht. Ein ganzes Genre der Strategiespiele am PC simuliert noch heute die Schrägsicht auf ein in Planquadrate eingeteiltes Spielfeld, auf dem der Spieler Städte und Einheiten platziert. Mit dem kleinen Unterschied, dass das Ganze heutzutage 3D-animiert ist und mit einer leistungsfähigen Künstlichen Intelligenz (K.I.) daher kommt.

Dabei passt sich auch diese Entwicklung dem Boom sozialer Online-Netzwerke an. Bekanntestes Beispiel der sogenannten Multiplayer Online Roleplaying Games ist World of Warcraft. Neuerdings finden Computer-Gamer und Brettspieler auch hier zusammen. Vor allem auf der Seite brettspielwelt.de treffen sich täglich Tausende Spieler, um in einer der dutzenden Spiele-Übertragungen gegeneinander anzutreten, Chat-Funktion inbegriffen. Im Angebot finden sich Klassiker wie das Kartenspiel Ligretto oder Auf Achse, aber auch Insider-Spiele wie Funkenschlag des Bremer Spieleentwicklers Friedemann Friese, das allein im vergangenen Monat an die 1300 Mal gespielt, in ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde und nun auf die Xbox360 übertragen werden soll. Daran arbeitet der Spieleentwickler gerade.

Derzeit explodiert das Angebot an sogenannten Casual Games, also an einfachen Spielen auch für "Nicht-Spieler". Sie werden für Mini-Beträge aus dem Netz geladen und vor allem auf Nintendos DS oder der Wii gespielt, aber auch auf dem normalen Heim-PC. Brettspiel-Ideen-Adaptionen passen hier perfekt hinein, und sorgen für frische Ideen jenseits vom ewiggleichen Jump&Run oder Rumgeschieße. "Sie sind oft klüger und witziger, und bieten daher die Spielideen, die den Computer-Blockbustern manchmal fehlen", sagt Friese.

Der Spieleautor sieht die Portierungen auf Spielkonsolen aber nicht als das Ende des haptischen Gesellschaftsspiels. Ganz im Gegenteil: "Brettspiele, die es online gibt, verkaufen sich besser", sagt er. Auf der Konsole oder im Internet lässt sich ein geliebtes Brettspiel zu jeder Tages- oder Nachtzeit spielen, ohne dass man sich verabreden muss, entweder gegen Computergegner oder Online-Spieler aus allen Teilen der Welt. 

Dabei treffen unterschiedliche Spielertypen aufeinander: Während die einen einfach nur ein neues Spiel testen wollen, bevor sie es kaufen, finden sich auch etliche "Profi-Brettspieler", denen es am Rechner einfach schneller geht, wenn niemand Spielgeld zählen muss und sich teilweise mehrere Spiele parallel spielen lassen. Doch auch hier zeigt sich mitunter die soziale Unverbindlichkeit virtueller Netzwerke: Schlechte Verlierer loggen sich aus dem Spiele-Portal aus, wenn sie merken, dass es für sie nichts mehr zu gewinnen gibt. In der Brettspielrealität am Küchentisch ist das Entkommen nicht so einfach, und die nächste Ladung Bier geht meist auf Kosten des ehrlichen Verlierers.