In der Wartehalle des Moskauer Flughafens stehen Menschen vorm Check-in. Als sie die nahende Gruppe Männer mit automatischen Waffen entdecken, liest man in ihren Gesichtern eher ungläubiges Staunen als echtes Erschrecken. Wenig später sind sie alle tot, ihre blutenden Körper färben den Boden rot.

Der Spieler, der sich undercover in eine Gruppe von Terroristen eingeschleust hat, hatte keine Wahl. Er musste schießen. Sonst wäre seine wahre Existenz als Soldat einer amerikanischen Spezialeinheit aufgeflogen. So gut legitimiert, wie dieses Gemetzel an wehrlosen Zivilisten dadurch scheinen mag – die Debatten, die diese Flughafenszene im neuen Spiel der Call-of-Duty-Serie ausgelöst hat, waren zahlreich. Was unter anderem deshalb relevant ist, weil das Kriegsspiel Call of Duty – Modern Warfare 2 eines der meistverkauften Spiele überhaupt zu werden droht.

In der englischsprachigen Ausgabe ist der Spieler selbst beteiligt an der Jagd auf die fliehenden und kreischenden Zivilisten. Die deutsche Aufsicht war da strenger: Hier gibt es diese Möglichkeit nicht. Sobald der Spieler die Waffe auf unbewaffnete Menschen ansetzt, bedeutet das Game over. Auch über diese vermeintliche Zensurmaßnahme wurde heftig diskutiert. Aber selbst einigen hartgesottenen Spielern gingen die Szenen zu weit. Die Warnung, die Entwickler Activision Blizzard vor diesen Szenen einblendet – man kann den Teil auch überspringen und später weiterspielen –, halten viele für heuchlerisch. Und werfen der Firma vor, ihren irrsinnigen Verkaufserfolg damit noch befeuert zu haben.

Das Verbot, Gewalt gegen Zivilisten auszuüben, ist einer der Angelpunkte des Kriegsvölkerrechts. Die beiden schweizerischen Institutionen Pro Jeventute und TRIAL haben sich daher angeschaut, wie Gamer es in Kriegsspielen mit den Genfer Konventionen halten. Ihre Mitarbeiter spielten dazu unter den wachsamen Augen von Juristen, die sich auf Völkerrecht spezialisiert haben. Zu den zwanzig geprüften Spielen gehörten unter anderem Call of Duty 4 und 5, 24, Battlefield und Far Cry 2.

Das Resultat mag wenig überraschen.

"Die Auswertung zeigt, dass die Regeln des humanitären Völkerrechts in vielen Fällen nicht Teil der Spielanlage sind", heißt es. Zwar gestehen die Prüfer zu, dass die Spiele zur Unterhaltung produziert und die wenigsten Spieler selbst jemals an echten Kriegen teilnehmen werden. "Dennoch erstaunt das praktisch vollständige Fehlen entsprechender Spielregeln oder Sanktionen im Game: Zivilpersonen oder geschützte Objekte wie Kirchen und Moscheen können ungestraft angegriffen werden, in Verhörszenen sind sanktionslos Folter, unmenschliches oder erniedrigendes Verhalten möglich oder es werden außergerichtliche Hinrichtungen simuliert."

Dabei hätten die Testspieler durchaus Gegenbeispiele gefunden, heißt es in der Studie. Die zeigten, dass es möglich sei, Verhalten zu belohnen, das Kollateralschäden vermeidet und umgekehrt den Tod von Zivilisten bestraft.