Öde liegt der Todesstreifen da. Alle paar Hundert Meter ragt ein grauer Wachturm aus dem Boden, dazwischen wachsen mickrige Büsche. Am Rand des Blickfelds bewegt sich jetzt etwas: dort, wo ein hoher Sperrzaun den Todesstreifen vom dahinterliegenden Nadelwald trennt. Es ist eine junge Frau – sie zwängt sich durch ein Loch im Zaun, zögert kurz und rennt dann gebückt über die freie Fläche. Als sie schon gut die Hälfte geschafft hat, lösen sich zwei uniformierte Gestalten von einem der Wachtürme und nehmen die Verfolgung auf. Die Frau hat den gegenüberliegenden Zaun erreicht, verzweifelt sucht sie nach einem Durchschlupf, während die Verfolger immer näher kommen. Dann eine Sturmgewehrsalve. Und Stille.

Schon Monate vor seiner Veröffentlichung sorgte das Computerspiel 1378 (km) – aus ihm stammt diese Szene – für jede Menge Schlagzeilen. Schauplatz des Geschehens ist die innerdeutsche Grenze im Jahre 1976. Der Spieler übernimmt wahlweise die Rolle eines DDR-Flüchtlings oder die eines Grenzsoldaten. Als Flüchtling hat er die Aufgabe, die BRD zu erreichen. Als Grenzsoldat soll er genau dies um jeden Preis verhindern. Bis zu 16 Personen können via Internet gleichzeitig an einem solchen Spiel teilnehmen. Der Titel 1378 (km) bezieht sich auf die Länge der innerdeutschen Grenze, an der im Laufe der Jahrzehnte Hunderte von Menschen starben. Ein denkbar heikles Thema für ein Computerspiel.

Erdacht und programmiert hat es der 23-jährige Jens Stober. Als Medienkunststudent an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe entwickelte Stober das nichtkommerzielle Spiel auf Basis des Ego-Shooters Half-Life 2: Deathmatch. 1378 (km) sei aber kein Ballerspiel, sagt Stober, sondern der Versuch, junge Menschen zum Nachdenken über die DDR anzuregen. Ähnliches hatte er bereits mit dem Serious Game Frontiers bezweckt, das die Situation afrikanischer Flüchtlinge an der Grenze zu Europa thematisiert.

Das Grenzspiel sollte ursprünglich am 3. Oktober zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit erscheinen – doch daraus wurde nichts. Stober hatte nicht mit der medialen Schockwelle gerechnet, die sein Projekt auslöste.

Opferverbände, Historiker und Politiker bezeichneten das Spiel als widerwärtig und verharmlosend und forderten, die Veröffentlichung zu stoppen. Das Töten von Flüchtlingen sei eine Herabwürdigung der Grenzopfer, so die Kritiker. Der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, erstattete Anzeige wegen Gewaltverherrlichung – sein Antrag wird noch von der Berliner Staatsanwaltschaft geprüft.

Dass keiner der Kritiker das unveröffentlichte Spiel getestet haben konnte, war zu diesem Zeitpunkt nur noch Nebensache. Die Hochschule reagierte auf die Proteste und verschob die Premiere auf unbestimmte Zeit. Am 9. Dezember verkündete sie dann überraschend, das Spiel werde am kommenden Tag erscheinen. "Es ist an der Zeit, dass sich jeder ein Bild machen kann", sagt HfG-Sprecher Klaus Heid.

Die begleitende Podiumsdiskussion am Freitagabend brachte Kritiker und Befürworter zwar nicht auf einen Nenner, verlief aber angenehm sachlich.

Nun steht es zum Download bereit und muss sich an den Zielen seines Schöpfers messen lassen. Wobei es sich laut Stober um eine Vorabversion handelt, die in den kommenden Monaten unter Beteiligung der Opferverbände, weiterentwickelt werden soll.