Lumpen lassen sich die Anbieter dieses Jahr wirklich nicht: Electronic Arts verfrachtet einen Mig-21-Kampfjet auf die Gamescom, um für seinen Shooter Battlefield 3 zu werben. Sony lässt eine Uncharted-Kamelkarawane über das Messegelände trotten. Und Nintendo verwandelt den Kölner Hohenzollernring in eine Mario-Kart-Rennpiste. Der Budenzauber ist größer denn je: Mehr als 550 Aussteller aus 40 Ländern vermelden die Organisatoren – ein neuer Rekord. Hunderttausende Gamer werden in dieser Woche nach Köln pilgern, um sich begeistern, beschallen und mit Gimmicks bewerfen zu lassen. Doch was hinter den Kulissen vor sich geht, bekommt das Messepublikum bestenfalls am Rande mit.

Die Branche befindet sich in einem tiefen Umbruch. Auf der vorgelagerten Game Developers Conference (GDC) – sie endet heute – diskutieren die Teilnehmer über "Freemium-Modelle", "Key Metrics" oder auch "Monetization Tracking". Das Fachchinesisch hat einen gemeinsamen Hintergrund: Social Games. Allein zwei der sieben GDC-Hauptvorträge beschäftigten sich mit Spielen, die auf Plattformen wie Facebook Millionen von Nutzern erreichen, kostengünstig produziert werden und über den Verkauf von virtuellen Gegenständen Geld abwerfen. Firmen wie Zynga oder wooga verzeichnen in diesem noch jungen Markt enorme Wachstumsraten. Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) spricht von einem "boomenden Spielplatz Internet" und meint damit auch die zahlreichen Browser Games – MMOs, Strategiespiele – die über den Verkauf digitaler Güter und Abo-Gebühren Einnahmen erzielen.

Wer etwas vom Online-Kuchen abhaben möchte, sollte schnell sein. Das gilt auch für etablierte Spielefirmen. "Entwickler müssen diese Gelegenheit nutzen. Oder sie laufen Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten", warnt GDC-Redner Richard Garriott . Der Schöpfer der legendären Ultima -Rollenspielreihe hat mittlerweile selbst auf Social Games umgesattelt und leitet die Firma Portalarium. 

Umkämpft ist auch der Markt für Smartphone- und Tablet-Games. 2010 wurden laut BIU allein in Deutschland rund 13 Millionen Spiele-Apps heruntergeladen , die Wachstumsraten liegen im zweistelligen Bereich. Doch nicht alle Anbieter wollen dabei mitmischen: Nintendo weigert sich standhaft, Ikonen wie Mario oder Link auf dem Smartphone zu verheizen – und hat damit viele Spielefans auf seiner Seite. Allerdings wird Nintendo mittlerweile von seinen Investoren dazu gedrängt , in den Markt einzusteigen, weil sich die Mobilkonsole 3DS viel schlechter verkauft als geplant.

Gleichwohl könnten die traditionsbewussten Japaner zu den Verlierern der diesjährigen Gamescom gehören. Nintendo verzichtet auf eine Präsentation des Wii-Nachfolgemodells Wii U und beraubt sich so selbst seines größten Messe-Höhepunktes. Bei der Electronic Entertainment Expo im Juni stand die Konsole mit dem integrierten Tablet noch im Mittelpunkt des Publikumsinteresses. Dass nun jegliche Wii-U-Präsentation in Deutschland abgesagt wurde, begründet Nintendo mit "Sicherheitsbedenken". Experten vermuten aber, dass die Firma beim Vermarktungskonzept nachbessern will.