Angeblich gibt es ja keine schlechte Publicity. Trotzdem dürfte sich die Firma BioWare nicht wirklich über die Aufmerksamkeit freuen, die ihr Action-Rollenspiel Mass Effect 3 derzeit bekommt.

Denn im Netz tobt wieder einmal ein Sturm der Entrüstung. Dieses Mal geht es aber nicht um mangelhaften Datenschutz oder kostenpflichtige Zusatzinhalte . Dieses Mal geht es um die Integrität der Autoren und Gamedesigner. Welche Verantwortung haben sie gegenüber ihren enthusiastischen Fans? Oder, um genau zu sein: Darf ein Computerspiel einen Schlussakt haben, mit dem viele Spieler unzufrieden sind?

Laut einer Umfrage im Forum des Entwicklers BioWare , an der fast 50.000 Nutzer teilgenommen haben, sprechen sich etwa 90 Prozent der Spieler für ein neues Ende der Trilogie aus. Vielen ist die jetzige Version zu pessimistisch. Manche bemängeln auch Logiklücken und inkonsequentes Gamedesign. Doch der Reihe nach.

Die Mass-Effect -Trilogie erzählt eine zusammenhängende Geschichte. Mehr noch: Alle Entscheidungen, die der Spieler im ersten Teil der Reihe getroffen hat, werden in den Folgeteilen reflektiert. Der Spieler entscheidet, ob der Held Shepard ein Haudrauf ist oder ein intergalaktischer Heiliger. Welche Gefährten sterben, und welche bis zum Schluss kämpfen. Ob Shepard ein Held oder eine Heldin ist. Das alles ist das Werk des Spielers. Der maßgeschneiderte Spielverlauf sorgt dafür, dass viele Spieler Mass Effect als "ihr" Spiel betrachten.

Das große Finale von Mass Effect 3 hätte – nach über 100 Stunden Spielzeit – die Summe aller getroffenen Entscheidungen und das Destillat des Spielprinzips sein sollen. Nun ist die Enttäuschung bei Vielen groß.

Denn der Schlussakt bricht ein wenig mit dem eigentlichen Gamedesign. Anstatt in einem alles entscheidenden Dialog mit den richtigen Antworten die Welt vor dem Abgrund retten und die Figur konsequent zu Ende spielen zu können, wird der Spieler nur noch zum Zuschauer einer Videosequenz. Ein letztes Urteil darf er dann noch fällen, mehr nicht.

Nach Angaben von BioWare führen die unterschiedlichen Spielweisen zu 16 unterschiedlichen Enden. Tatsächlich variiert das Videomaterial der jeweiligen Schlussakte kaum. Mal stirbt der Held, dann bleibt er am Leben, mal wird die Erde zerstört, mal nicht, die bösen Reaper werden vernichtet oder bleiben intakt. Es ist ein Baukasten, der offenbar viele Spieler unbeeindruckt zurücklässt.

Die Unzufriedenheit darüber äußert sich auf den üblichen Kanälen. Bei Amazon erhält das Spiel jede Menge Ein-Stern-Wertungen, Widerstand koordiniert sich unter dem Hashtag #RetakeME3 ("Holt euch Mass Effect 3 zurück") auf Twitter und natürlich über Facebook . Bis Donnerstagnachmittag hat eine neu entstandene Seite knapp 30.000 "Gefällt mir"-Klicks von Menschen gesammelt, denen das Ende eben nicht gefällt. "Demand a better ending to Mass Effect 3 " heißt die Initiative – "Verlangt ein besseres Ende".

Petition für ein neues Ende

Mass Effect ist nicht der erste Fall, bei dem Fans ein Kunstwerk für sich vereinnahmen. George Lucas ist bekannt dafür, seiner Star-Wars -Reihe mit jeder Neuauflage kleine Änderungen zu spendieren – und damit den Zorn vieler Fans auf sich zu ziehen. In den Augen von Lucas sind große Teile seines Werkes unvollkommen. Deswegen verbessert er sie in einem andauernden Prozess. Wer aber mit den kultigen Originalfassungen aufgewachsen ist, betrachtet diese im Extremfall als Teil seiner Erinnerung und damit seiner Persönlichkeit. Und die möchte niemand nachträglich verfälscht wissen.

Dabei darf ein Künstler mit seinem Werk machen, was er will, solange er die Rechte daran hält. Das gilt auch nach der Veröffentlichung. Egal, ob es sich um einen Film, ein Buch oder eben ein Spiel handelt. Wenn BioWare für die Mass-Effect -Reihe ein anderes Ende vorsieht, als es die Spieler gerne hätten, fällt das schlichtweg unter künstlerische Freiheit. Wer es mit seiner Geschichte nicht jedem Recht machen möchte, muss auf die kritische Masse pfeifen.

BioWare selbst hat sich bislang nicht geäußert. Dass die Firma nachgeben wird, erscheint auch wenig wahrscheinlich. Es wäre ein Eingeständnis, dass die Käufer des Spiels ein Mitspracherecht hätten, nur weil sie Geld dafür bezahlt haben. Diese Art von Kontrollverlust an mitunter reichlich unbeherrschte Fans kann sich ein Künstler, ein Verlag oder ein Filmstudio nicht erlauben.

Viele Kritiker von BioWare akzeptieren das auch. Dennoch haben sie eine Petition verfasst, in der sie BioWare höflich darum bitten, das Ende neu zu gestalten und zum Download anzubieten. Um zu betonen, dass man keine Krawallgruppe sei, wurde die Petition mit einem Spendenaufruf verbunden. Innerhalb von fünf Tagen kamen so 45.000 Dollar zusammen, die an die gemeinnützige Organisation Child's Play Charity gehen. Die verteilt Computerspiele an Kinderkliniken. Ein Mitbestimmungsrecht, welche Spiele angeschafft werden, haben die Spender übrigens nicht.