Lara Croft hat Schmerzen.

Lara bekommt diesbezüglich auf der Insel einiges geboten. Es stellt sich heraus, dass das Forscherteam tatsächlich auf Yamatai gestrandet ist. Allerdings wimmelt es auf dem Eiland von Anhängern der Solarii-Sekte, deren irrer Anführer Mathias das Erbe der Sonnengöttin beansprucht. Wie mörderisch dieser Kult ist, zeigt sich nachdrücklich in den Höhlenpassagen des Spiels, wo Lara zwischen Leichenbergen umherläuft. In einer grausig-surrealen Szene betritt Lara eine Grotte, in der die Solarii Gefangene in Käfigen halten – die vor Hunger fast Wahnsinnigen schreien und brabbeln vor sich hin.

Die Anleihen, die Tomb Raider bei Filmen und anderen Spielen nimmt, sind vielfältig: Die Palette reicht von Apocalypse Now über den Höhlen-Horror von The Descent bis hin zur Fernsehserie Lost – auch in Tomb Raider werden die Menschen von einer übernatürlichen Kraft daran gehindert, die Insel zu verlassen.

Dem Spiel gelingt es ausgezeichnet, eine Atmosphäre permanenter Bedrohung aufzubauen. Tempowechsel bekommen die Programmierer ebenfalls hervorragend hin. Woran sie jedoch grandios scheitern, ist die Psychologie ihrer Heldin. Noch nachvollziehbar wirkt, dass Lara einen zähen Überlebenswillen entwickelt und ihre Mitstreiter um jeden Preis retten möchte – schließlich war sie es, die das Forscherteam in die Bredouille brachte.

Hunderte hingemetzelt

Wenig realistisch mutet dann allerdings die Tatsache an, dass Lara im Spielverlauf zur Kampfmaschine mutiert. Als sie zu Beginn einen Hirsch erlegt, entschuldigt sie sich noch bei dem Tier; als sie wenig später einen Angreifer tötet, scheint sie tief traumatisiert. Kurz darauf hantiert sie dann schon professionell mit allerlei Hieb- und Feuerwaffen, verteilt Kopfschüsse mit dem Composite-Bogen und metzelt die Gegner zu Hunderten hin.

Hier drängen sich Parallelen zum kürzlich erschienenen Far Cry 3 auf: Dort wird der Protagonist aber immerhin noch mit der eigenen Barbarisierung konfrontiert.

Wer sich weder an Laras Wandlung noch am hohen Gewaltgehalt (USK 18) stört, der wird von Tomb Raider sehr gut unterhalten. Die Insellandschaften sind mit Licht- und Wettereffekten stimmungsvoll in Szene gesetzt, immer wieder beeindruckt das Spiel mit atemberaubenden Berg- und Strandpanoramen. Die Level verlaufen nicht schlauchartig wie bei Uncharted, sondern bieten weitläufige Areale mit zahllosen Winkeln und Details.

Tomb Raider huldigt der Sammelwut mancher Spieler. An jeder Ecke sind Tagebuchfragmente und Antiquitäten platziert: Wer eifrig hamstert, wird mit Erfahrungspunkten belohnt, die sich in neue Überlebensfähigkeiten investieren lassen. Ein besonders wichtiges Talent von Lara ist der Umgang mit Pfeil und Bogen: Im fortgeschrittenen Spiel lernt sie, durch gezielte Schüsse Kletterseile über Abgründe zu spannen, das erweitert ihren Aktionsradius noch einmal deutlich.

Zu kurz kommen im neuen Tomb Raider die Rätsel. Gerade einmal sieben Grabstätten darf Lara im Lauf des gesamten Spiels plündern, dazu noch ein paar Hindernisse in der Landschaft überwinden. Diese Ausflüge sind zwar imposant, aber fürs Fortkommen nicht notwendig. Letztendlich steht aber der Überlebenskampf im Vordergrund. Die neue Lara Croft definiert sich über Widerstand.

Eine vorherige Version dieses Kommentars endet mit der Bemerkung, Männerfantasien prägten das Spiel. Wir haben diese Formulierung entfernt, da sie unserer Ansicht missverständlich ist. Die Redaktion