Wer  jemals eine Partie des Sammelkartenspiels Magic: The Gathering gespielt hat, wird sich in Scrolls gut aufgehoben fühlen. So wie im 20 Jahre alten Collecticble Card Game duellieren sich auch im neuen Spiel von Minecraft-Erfinder Markus "Notch" Persson zwei Spieler mithilfe von Monstern und Zaubersprüchen, die sie sich vorher zu einem Deck zusammengestellt haben. Basis sind Tausende verschiedener digitaler Karten. Anders als bei Magic und seinen zahlreichen Epigonen kämpfen die Helden und Monster des Online-Spiels Scrolls aber in Rundenkämpfen auf einem Schlachtfeld gegeneinander.

Ähnlich wie Minecraft ist auch Scrolls als weit fortgeschrittene Beta-Version für Windows, OS X und Linux gestartet. Schon jetzt reicht das für ein hochspannendes Spielerlebnis, nur die In-App-Käufe stören etwas. In jeder Runde verdienen Spieler ein paar hundert Goldmünzen, mit denen neue Karten bezahlt werden können. Das Gold gibt es aber nicht nur für gespielte Partien, sondern auch für echtes Geld. Für ein Spiel, das wie ein regulärer Indie-Titel für 15 Euro verkauft wird, ist das wenig stilvoll. Zum Glück entscheidet über den Sieg aber nicht die Anzahl der freigeschalteten Karten, sondern vor allem die Zusammenstellung zu einem schlagkräftigen Deck.

Aus der Kombination von Karten ergeben sich unzählige mögliche Strategien. Ein Spieler mit dem "Growth"-Deck kann versuchen, sein Gegenüber mit einer Armee aus unscheinbaren Kaninchen zu überwältigen, die durch Zaubersprüche und Gebäude zu Killerkarnickeln mutieren. Ein "Energy"-Deck-Spieler kann das mit flächendeckender Artillerie kontern, die aber wiederum  gegen die kombinierten Ritterattacken eines "Order"-Decks versagt.

Die Zusammenstellung eines starken Decks ist nicht alles. Die Bewegung der Figuren, das richtige Timing für Angriffe und das Ressourcenmanagement, das auf der Opferung von Karten aus dem Deck basiert, sind ebenso wichtig. Mit jeder Partie entdecken Spieler neue Ideen zu möglichen Kombinationen und Synergien der Karten und deren Einsatz. Scrolls ist ein vielschichtiges, packendes Strategiespiel, das einen völlig anderen Ansatz als das friedliche Minecraft verfolgt, aber kreatives Denken ebenso fördert und belohnt.

Bei großen Publishern findet das Genre nicht mehr statt

Mit diesem Ansatz steht Scrolls zurzeit nicht alleine. Ein ähnliches Prinzip verfolgt das Indie-Spiel Card Hunter, in dem es um klassische Fantasyhelden geht, die als Pappaufstellfiguren in einer digitalen Brettspielwelt Verliese erkunden und gegen Monster kämpfen. Wie in Scrolls passiert das mit Hilfe von Karten, deren Verteilung aber abhängig ist von der Heldenausrüstung. Mit magischen Stiefeln zum Beispiel haben Helden mehr Bewegungskarten, die dicke Axt gibt Angriffskarten. Card Hunter setzt auf eine Art Abo-Modell, das zahlenden Spielern mehr Beute von geschlagenen Monstern garantiert. Aber auch wer kostenlos spielt, hat – zumindest nach ersten Erfahrungsberichten – keine spürbaren Nachteile.

Blizzards neu angekündigtes Heroes of Warcraft: Hearthstone wiederum ist ein digitales Sammelkartenspiel für Desktop-Rechner und mobile Plattformen im Stil von Magic, nur eben mit beliebten Warcraft-Figuren. Genau wie Card Hunter ist das Spiel auf einem Free-to-Play-Modell aufgebaut.

Nicht alle neuen rundenbasierten Strategiespiele beruhen auf dem Sammelkartenprinzip. Das von ehemaligen Bioware-Mitarbeitern gegründete  Indie-Studio Stoic verbindet mit The Banner Saga komplexe Rundenstrategie mit Wikingerhelden, und Firaxis hat mit XCOM gezeigt, das Rundenkämpfe auch im Spiele-Mainstream gut ankommen können.

Finanzierung über Crowdfunding

Diese Renaissance der Rundenstrategie- und Sammelkartenspiele wird vor allem von kleineren Studios vorangetrieben, deren Entwickler mit solchen Spiele groß geworden sind. Bei großen Spielepublishern finden diese Games kaum noch Platz. Crowdfunding-Projekte auf Seiten wie Kickstarter haben aber gezeigt, dass es noch ein großes Interesse an klassischen Spielkonzepten gibt.

Die Entwickler von Double Fine etwa, die mit dem Kickstarter-Projekt Double Fine Adventure bewiesen haben, dass auch große Spieleprojekte mit Crowdfunding erfolgreich umgesetzt werden können, sammeln gerade wieder Geld für ein neues Projekt: es heißt Massive Chalice und ist ein Rundenstrategiespiel.