Timothy Leary, der Games-Entwickler

Timothy Leary wurde von seinen Fans wie von seinen Feinden mit vielen Titeln bedacht: Drogenapostel, Guru, Harvard-Professor, Visionär, Spinner, Verbrecher. Aber eine Bezeichnung fällt wohl kaum jemandem ein, wenn von Leary die Rede ist: Computerspiele-Entwickler.

Der amerikanische Psychologe erlangte in den sechziger Jahren als Prediger und bekennender Dauerkonsument psychedelischer Drogen internationale Berühmtheit. In den neunziger Jahren trat er dann als Propagandist dessen auf, was zu der Zeit als "Cyberspace" bekannt war – für Leary waren die bewusstseinserweiternden Möglichkeiten, die das Internet bietet, die Fortsetzung von LSD mit technischen Mitteln. Damals entwickelte Leary zusammen mit zwei Programmierern ein eigenes Computerspiel: Mind Mirror.

Electronic Arts veröffentlichte das Spiel 1985 für IBM PC, Apple II und Commodore 64. 65.000 Disketten mit dem Programm wurden innerhalb von zwei Jahren verkauft – kein rasender Erfolg, aber doch ein respektables Ergebnis, das wohl zumindest teilweise mit dem legendären Ruf seines Schöpfers zu tun hatte. Electronic Arts vermarktete das Spiel als "Party Game", obwohl Leary das Spiel eigentlich als eine Methode zur psychologischen Selbstfindung gedacht hatte. Es basierte auf seiner Doktorarbeit Interpersonal Diagnosis of Personality und kursiert bis heute als "Abandonware" im Internet.

Leary gründete sogar eine eigene Firma, Futique, die weitere Spiele entwickeln sollte – unter anderem in Zusammenarbeit mit den Schriftstellern William Gibson und William Burroughs, der New-Wave-Band Devo, dem Künstler Keith Haring und dem Fotografen Helmut Newton. Keines dieser Spiele ist jemals fertig geworden. Das lag unter anderem daran, dass Leary Ideen hatte, die zum Teil heute noch futuristisch klingen: Die Spiele sollten nicht nur grafische Effekte haben, die zu dieser Zeit kein Computer bieten konnte, sondern auch von vielen Menschen gleichzeitig über das Internet gespielt werden können – lange vor Massively Multiplayer Online Role-Playing Games wie World of Warcraft. Sogar der Charakter der Spielfiguren sollte entscheidend für den Ausgang des Spieles sein.

Emulatoren sind der übliche Weg

Die New York Public Library hat 2011 den Nachlass Learys aufgekauft. Dort arbeitet nun ein Informatiker daran, die Entwürfe für diese Spiele von alten Disketten für das historische Amiga-Computersystem zu retten und für die Nachwelt aufzuarbeiten. Dabei entdeckte er unter anderem Skizzen von Keith Haring für ein Spielprojekt und damit den Beweis, dass neben Andy Warhol ein weiterer Großkünstler zu den Pionieren gehörte, die mit dem Amiga 1000 gearbeitet haben. Die Dateien aus Learys Game-Nachlass werden Forschern in der Bibliothek zugänglich gemacht.

Die meisten klassischen Computerspiele sind freilich längst über Emulatoren im Internet verfügbar. Seit Ende Oktober erweckt nun auch das Internet Archive historische Games für PCs und Konsolen der 1980er-Jahre zu neuem Leben im Browser. In einer Sammlung historischer Computerprogramme bietet es mehr als sechzig Spiele, aber auch Anwender-Software wie das Spreadsheet-Programm VisiCalc von 1979 oder die Textverarbeitung Word Star von 1981.

Aber vor allem sind dort bekannte, besonders innovative oder spektakulär gescheiterte Spiele zu finden,  darunter Pac-Man von 1982, Jet Set Willy von 1984, aber auch der legendäre Misserfolg E.T. The Extra-Terrestrial – ein Atari-Game, das so unverkäuflich war, dass angeblich Millionen von Steckmodulen mit dem Spiel auf einer Müllkippe in New Mexiko verklappt wurden. Beim Internet Archive ist nun nicht nur das Originalspiel von 1982 zu finden, sondern auch eine Version, die seine schlimmsten Programmierfehler korrigiert.

Originalgetreue Rekonstruktionen sind streng genommen kaum möglich

Das Internet Archive verwendet das Programm JSMESS, das es via JavaScript erlaubt, Hunderte von alten Computersystemen im Browser zu emulieren und so historischen Originalcode wieder zum Laufen zu bringen. Das hat den Vorteil, dass keine weiteren Programme auf dem Rechner installiert werden müssen, um historische Computer-Software zu verwenden. Weil das Internet Archive die Spiele "streamt", man sie also nicht auf den eigenen Rechner lädt, verletzt man auch das Urheberrecht nicht, wenn man die Programme benutzt.

Dadurch unterscheidet sich das Angebot des Internet Archive von den zahllosen Abandonware-Sites und den Emulatoren von jeder erdenklichen Spielkonsole, die sich in rauen Mengen im Internet finden. Und man kann sicher sein, dass man wirklich die Original-Games vor sich hat, was man über die Neuauflagen vieler Spielklassiker, die inzwischen schon als Apps angeboten werden, nicht immer sagen kann.

Alternative: Games immer wieder auf den Stand der Technik bringen

Inwieweit die Versionen, die man mit Emulatoren wie JSMESS spielt, wirklich originalgetreue Rekonstruktionen der klassischen Spiele sind, ist allerdings eine andere Frage. Das fängt schon bei der Monitordarstellung an: Nicht nur, dass das historische, vertikale Pac-Man-Labyrinth nun in den vertikalen Rahmen des Browsers eingezwängt ist. Auch die Bildschirmdarstellung auf dem Monitor eines Laptops oder eines Smartphones unterscheidet sich fundamental von dem ursprünglichen Look auf einem monochromen PC-Monitor oder auf einem analogen Fernseher, an den Konsolen früher angeschlossen wurden. Nicht nur für Automatenspiele gab es oft spezielle Controller, die man ebenfalls nicht via JavaScript emulieren kann. Nichts ersetzt darum einen Blick auf die authentischen Spiele wie er zum Beispiel im Berliner Computerspiele-Museum möglich ist.

Statt ein Spiel möglichst originalgetreu zu emulieren, gibt es freilich noch eine andere Methode, um es dauerhaft zugänglich zu machen: Man kann es immer wieder auf den Stand der Technik bringen. Daran arbeiten zum Beispiel die Programmierer, die Mind Mirror in den neunziger Jahren für Timothy Leary geschrieben haben: Sie haben Learys Erben die Rechte an der Software abgekauft und eine Facebook-App entwickelt, um das Programm für die Ära der sozialen Medien zu erhalten.