Auch der 23-jährige Lou aus Paris lotet die Grenzen von Computerspielen aus. Der Student widmet sich in seiner Freizeit vor allem dem Online-Rollenspiel World of Warcraft. Als Mitglied einer europäischen Hardcore-Gilde spielt er mit seinen Kollegen um die sogenannten World Firstkills: Das Ziel der Spielergemeinschaft ist es, die schwersten Bosse aus World of Warcraft als erste zu töten. Das bedeutet für die Teilnehmer einen enormen Organisations- und Zeitaufwand, wie die Dokumentation Race to World First zeigt.

Doch der kollektive Erfolg reicht Lou nicht aus. Mit seinem Hauptcharakter, einem Todesritter, tut er Dinge, die den meisten Spielern von MMORPGs absurd vorkommen dürften: Er bekämpft im Alleingang Gegner, die eigentlich für Schlachten mit zehn bis 25 Teilnehmern konzipiert sind. Und er hat Erfolg: In seinem Youtube-Kanal zeigt er, wie er die oft zehn, 15 Minuten langen Duelle für sich entscheidet – nicht selten als erster Spieler überhaupt.

Exzellente Reflexe, die perfekte Beherrschung seines Spielcharakters und ein exaktes Wissen über die Fähigkeiten seines Gegenübers sind nötig, um die Künstliche Intelligenz zu bezwingen. Stundenlanges Ausprobieren sowie das Analysieren und Feilen an der Taktik gehören für Lou zum Spielalltag. Für seinen bislang härtesten Kampf gegen den "Lich King" scheiterte er mehrere Tage lang immer wieder. Erst nach einer 16-Stunden-Nonstop-Session war er schließlich doch siegreich.

"Was wäre, wenn..."?

Für seine Taten erntet der Franzose in zahlreichen YouTube-Kommentaren Bewunderung. Seine Motivation ist aber eine andere, wie er im Gespräch mit ZEIT ONLINE sagt: "Mich treibt in erster Linie die Neugier an, wie weit ich die Spielmechanismen von World of Warcraft ausreizen kann. Ich habe es schon immer geliebt, mich in Computerspielen selbst herauszufordern. Über allem schwebt immer die Frage: Was wäre, wenn X? Sobald ich eine Idee habe, welches 'X' mir wirklich etwas abverlangen könnte, probiere ich es aus – bis ich einen Bossgegner entweder getötet habe oder feststelle, dass er für mich nicht zu schaffen ist."

Kurt J. Mac und der französische Todesritter sind nicht die einzigen Grenzgänger. Im Netz finden sich etliche weitere Beispiele, wie Gamer der Spielgrenzen und Spielmechaniken auf unterschiedlichste Art ausloten. Einige führen imposante Stunts im Online-Modus von Grand Theft Auto V aus. Wieder andere versuchen in sogenannten Speedruns möglichst schnell Spiele durchzuspielen. 

Man stößt aber auch auf verstörende Resultate, etwa den perfekten Polizeistaat in SimCity 3000. Oder ein Haus im Rollenspiel Skyrim, in dem alle Bewohner wie von einem Serienmörder hingerichtet wurden. Letzteres nennt man dann wohl digitale Grenzüberschreitung.