Entwickler im Silicon Valley lassen sich nicht gerne einschränken. Grenzen sind dazu da, überwunden zu werden. Alte Weisheiten wie "man kann Menschen nur vor den Kopf schauen" sind mehr Ansporn als Hindernis. Also machen die Tüftler möglich, was lange Medizinern mit schwerem technischen Gerät vorbehalten war: Sie gucken ins Gehirn – und machen die Technik dafür massenmarkttauglich.

Auf der Neuro-Gaming-Konferenz, die vergangene Woche zum zweiten Mal in San Francisco stattfand, zeigten Unternehmen, was sie mit Geräten, die Gehirnströme messen, alles vorhaben. Das Spektrum reicht von Computerspielen über Produkte für Gesundheitsbewusste bis hin zu modernster Medizintechnik.

Die Hoffnungen sind in allen Bereichen groß: Laut der Unternehmensberatung PWC wird etwa der Markt für Videospiele bis zum Jahr 2017 auf fast 87 Milliarden Dollar wachsen. Der Umsatz mit Produkten, mit denen Kunden ihren Gesundheitszustand überprüfen können, soll laut dem US-Verband für Unterhaltungselektronik (CEA) von 3,3 Milliarden Dollar 2013 auf mehr als acht Milliarden Dollar 2018 steigen. Der allgemeine Markt für Medizintechnik soll nach den Berechnungen des Marktforschers Evaluate bis dahin um 4,5 Prozent auf 455 Milliarden Dollar steigen.

Lat Ware geht es um Spaß. Der 29-Jährige hat sein Unternehmen Throw Trucks With Your Mind genannt – weil ihm nichts Besseres eingefallen ist. Und das ist es auch, was seine Kunden tun können: in einem Computerspiel mit Gedanken Fahrzeuge werfen. Dazu müssen sie derzeit eine Art Headset aufsetzen, Mindwave genannt. An der Stirn misst es die elektrische Spannung, die das Gehirn aussendet, am Ohrläppchen den Herzschlag.

Hardware kostet 80 Dollar

Mindwave kann feststellen, wie sehr der Träger konzentriert oder entspannt er ist. Entwickler Lat Ware nutzt diese Informationen in seinem Spiel: Konzentration bedeutet etwa heben oder springen, Entspannung schieben oder unsichtbar werden. Je stärker die jeweilige Gehirnaktivität ist, desto stärker reagiert die Figur. Das Spiel kann auch zu mehreren gespielt werden. Das Gerät wurde von der Firma Neuro Sky entwickelt. Es ist für jeden auf der Internetseite des Unternehmens für rund 80 Dollar erhältlich.

Tan Le geht es nicht um Spaß, sondern um "kognitive Wellness und Gesundheit". Die 36-Jährige ist Chefin von Emotiv. Das Unternehmen bringt im Dezember dieses Jahres das Emotiv Insight auf den Markt: ein EEG-Gerät für den Hausgebrauch. Es misst neben der Spannung auf der Stirn auch an vier anderen Stellen des Kopfes die elektrische Spannung. Die damit verbundene App wertet die Daten aus, zeigt etwa wann der Nutzer Stress hatte, welche Gehirnregionen er aktiviert hat und was er tun kann, um die anderen zu stimulieren.

"Es ist ein Produkt für Konsumenten, damit sie ihre eigenes Gehirn besser verstehen", sagt Tan Le. Dazu soll es reichen, das Gerät einige Minuten am Tag zu tragen, doch je länger, je besser. Er sieht aus wie ein futuristischer, seitlich getragener Haarreif mit mehreren Armen und ist sehr leicht.

Starstim-Kappe sendet Impulse ans Hirn

Auf 100.000 Dollar Finanzierungshilfe hatte Emotiv bei der Crowdfunding-Plattform Kickstarter gehofft. Die waren in zwei Stunden erreicht, am Ende kamen mehr als 1,6 Millionen Dollar zusammen. Verkaufen will Le – die die Vorhaben ihres Unternehmens auch die "Demokratisierung der Gehirnforschung" nennt – das EEG-Gerät für 299 Dollar. 10.000 davon verschickt sie noch im Dezember, im kommenden Jahr soll sich das Volumen vervierfachen, "vorsichtig geschätzt". Denn neben dem Verkauf über die eigene Internetseite soll es dann auch bei Portalen wie Amazon erhältlich sein.

Ana Maiques geht es darum, das Prinzip der Gehirnstrommessung umzukehren. Sind ist die Chefin von Neuroelectrics, einer in Barcelona ansässigen Firma. Sie stellt neben "klassischen" kabellose EEG-Kappen unter dem Namen Starstim auch Kappen her, die nicht nur elektrische Signale messen können, sondern auch Impulse an das Gehirn senden können. Damit werden derzeit unter anderem Schlaganfallpatienten behandelt. In Zukunft will Maiques – von der EU-Kommission zu einer der Innovatorinnen 2014 gewählt – auch Emotionen messen und sie hinterher wieder aufrufen können.

Ist eine solche vermessene Zukunft wünschenswert? Diese Frage stellt ein Zuhörer bei der Podiumsdiskussion. Die Antwort vom Podium: Es sei schon immer der Traum der Menschen gewesen, besser zu werden.

Erschienen auf handelsblatt.com