Noch vor einigen Wochen schien der Deal so gut wie sicher: Google wollte die Streaming-Plattform twitch.tv übernehmen, und glaubte man einigen Branchenberichten, fehlte nur noch die Unterschrift. Doch nun hat Amazon den Konkurrenten ausgestochen. Für 970 Millionen US-Dollar übernimmt Amazon den Dienst. So überraschend der Kauf scheint, so konsequent ist er, denn Amazon investiert seit Längerem in zwei Sparten: Videos und Videospiele.

Twitch verbindet beides. Der Dienst ist vor allem in der sogenannten Let's-Play-Szene beliebt: Spieler nehmen sich selbst beim Spielen auf und kommentieren das Spielgeschehen. Die Zuschauer können im Chat live daran teilnehmen und den Streamern Trinkgeld zukommen lassen. In der eSports-Szene ist twitch längst ein gerngesehener Partner, etwa für Turniere wie The International. Erfolgreich ist twitch obendrein: 55 Millionen Menschen schalten monatlich die Streams ein.

Der Kampf um das Wohnzimmer

Für Amazon ist das Streaming-Geschäft ein wichtiger Wirtschaftszweig. Im vergangenen Jahr wuchs der eigene On-Demand-Dienst Prime Instant Video einer Netzwerkanalyse zufolge um 94 Prozent und überholte damit die Konkurrenz von Hulu und Apple. Wie Netflix produziert Amazon inzwischen eigene Serien und hat zudem exklusive Absprachen mit dem US-Pay-TV-Sender HBO getroffen. Erst vor wenigen Wochen überraschte der Konzern mit einer neuen Sparte für kürzere Clips, die an Teleshopping erinnern. Und mit Fire TV bietet der Konzern inzwischen eine eigene Set-Top-Box an. Die Entwicklungen zeigen: Amazon möchte unbedingt eine zentrale Rolle im Wohnzimmer der Zukunft spielen.

Twitch soll dabei helfen. Mit der Übernahme etabliert sich Amazon im Streaming-Bereich hinter Netflix und YouTube als dritte große Kraft im digitalen Videomarkt, und es nimmt dabei die vornehmliche junge Zielgruppe mit. Die nämlich guckt ohnehin immer häufiger Inhalte online als im klassischen Fernsehen, und ist damit für Bezahlangebote wie Prime Instant Video besonders zugänglich.

Mit twitch holt sich Amazon zudem eine neue Option neben Video-on-Demand ins Haus, mit der sich auch die Konkurrenz von YouTube immer noch schwer tut: das Live-Streaming. Inzwischen nutzen nicht nur Videospieler die Plattform, sondern auch Musiker für Konzerte und Promo-Events. Die direkte Anbindung an den Shop von Amazon dürfte für die Künstler und Labels in Zukunft eine attraktive Möglichkeit sein, Inhalte zu vermarkten.

Amazon baut eine Gaming-Branche

Um das Kerngeschäft Gaming muss die twitch-Community trotzdem nicht fürchten. Denn Amazon erkennt den Einfluss der Spielebranche. Die nimmt einen immer wichtigeren Stellenwert im Amazon-Ökosystem ein. Bereits 2008 kaufte das Unternehmen das erste Spielestudio, 2012 gründete es sein eigenes. Zu Beginn des Jahres übernahm Amazon den Entwickler Helix Studios, der zurzeit an einem ersten, noch nicht genauer vorgestellten Titel arbeitet.

Die Set-Top-Box Fire TV ist zudem auch eine Spielkonsole, was zunächst als Gimmick galt, inzwischen aber ein ernstgemeinter Versuch ist, das eigene Gaming-Geschäft auszubauen. Eine in der Szene so etablierte und geschätzte Plattform wie twitch könnte das Kerngeschäft von Amazon, nämlich den Verkauf von Produkten anregen, schließlich liefern die begeisterten Streamer von sich aus Gratis-Werbung für die jeweiligen Spiele.

Dass es künftig in jedem Stream Links zu den entsprechenden Titeln im Amazon-Shop geben wird, dürfte deshalb nur eine Frage der Zeit sein. Seit kurzem verwendet auch die Washington Post, die im Besitz von Amazon-Gründer Jeff Bezos ist, in Artikeln Affiliate-Links zu Büchern auf Amazon.