Im Affenzahn zum Endgegner – Seite 1

Als Zeromaster am 18. November dieses Jahres sein Beweisvideo hochlädt, versetzt er die Spielewelt in Aufruhr. Der Grund für das Beben sind zwölf Sekunden. Zeromaster hat die Bestzeit des legendären Ego-Shooter-Klassikers Doom II eingestellt. Er hat das ganze Spiel auf höchster Schwierigkeitsstufe in 23:03 Minuten durchgespielt. Zwölf Sekunden weniger als der alte Rekord.

Zeromaster kommt aus Finnland und ist Speedrunner. Er kennt jeden Gegenstand, jeden Gegner, jeden Fehler und die Physik des ganzen Spiels. Speedrunner wie Zeromaster sind Spieler, die Half-Life in einer knappen halben Stunde meistern. Oder Tony Hawk's Pro Skater 2 in dreieinhalb Minuten. Spiele, die anderen Zockern oft wochenlang Spaß und Kopfschmerzen bereiten, und am Ende vielleicht auch eine Sehnenscheidenentzündung.

Hinter den Rasern der Szene stecken aber keine Wunderkinder aus der Vorschule, sondern besessene Zocker. Sie trainieren oft jahrelang für einen Rekord und tauschen sich in Foren über Schwachstellen der Spiele und Verbesserungsmöglichkeiten aus. Dementsprechend hoch werden ihre Leistungen in der Community anerkannt.

Zeitfaktor Tod – Gegner werden überrannt

Joe alias KryptekSR ist einer dieser Spieler. Er kommt aus Zürich und versucht seit diesem Jahr, die Bestzeiten von The Legend of Zelda – Ocarina of Time und The Wind Waker sowie Donkey Kong und Ratchet & Clank zu übertreffen. Dafür übt er jeden Abend. Sein Ziel sei der europäische Rekord von Ocarina of Time, sagt Joe.

Wer sich die Ergebnisse des Trainings der Speedrunner anschaut, kann kaum noch begreifen, was er sieht. Die Spieler fliegen geradezu durch die Welten. Das einzige Ziel ist es, ohne Schummelei die Zeit zu verbessern. Alles andere ist nebensächlich. Gegner werden deshalb nur umgebracht, wenn sie wirklich bedrohlich sind oder von ihrem Ableben das Fortkommen im Spiel abhängt. In der Regel aber werden sie schlicht überrannt. Genauso verhält es sich mit Geheimnissen oder gesammelten Gegenständen. Was man nicht braucht, wird weggelassen.


Diese Königsdisziplin beim Speedrun nennt sich any%. Das heißt, Fehler im Spiel können ausgenutzt werden, ebenso wie verschiedene Länderversionen des Spiels. Erlaubt sind nur die Standard-Controller der jeweiligen Konsole. Es gibt außerdem noch die Kategorie 100% und Glitchless. Spielt jemand die 100%-Variante, muss er alle Gegenstände sammeln und jedes Level bestreiten. Die Rekordzeiten von any% und 100% unterscheiden sich deshalb stark. Spielt ein Spieler Glitchless, nutzt er weder Abkürzungen noch Fehler im Spiel.

Seiten wie speedrun.com oder twitch.tv zeigen die Speedruns. Auf twitch.tv schauen mittlerweile täglich Tausende den Rasern unter den Spielern bei ihren Rekordversuchen zu. Dabei zeigt ein großer Bildschirm meist das Spiel und ein Ausschnitt den Spieler oder dessen Controller. So verrückt diese Videos scheinen mögen, für die Spieler ist das meiste davon Routine. Dementsprechend gelangweilt sehen manche aus, während sie Rekorde brechen – etwa Cosmo Wright bei einem seiner Weltrekorde in Ocarina of Time.

Die Spieler sammeln Millionen für wohltätige Zwecke

Angefangen hat Speedrunning mit den Ego-Shootern Doom und Doom II. Doug Merrill gründete am 1. September 2000 das DooMed Speed Demos Archive. Am 18. November 1994 veröffentlichte der Deutsche Sven Huth seinen ersten Speedrun auf der damaligen Seite. Er lief in 15:14 Minuten durch Level 27, schaltete dabei alle Gegner bei härtestem Schwierigkeitsgrad aus und entdeckte alle Geheimnisse.

Dass die Geschichte mit Doom begann, hat einen Grund: Am Ende eines jeden Levels stand neben der Zahl der getöteten Gegner auch die Zeit. Durchläufe des Spiels konnten so verglichen werden. Erst die Zeit weckte bei Spielern wie Merrill echte Begeisterung. Die Speedrunner verglichen ihre Zeiten fortan per Videobeweis. So läuft es im Wesentlichen bis heute.


Spielemacher bauten zum Teil sogar Anreize zum Schnellspielen ein. In Super Metroid bekommen die Spieler eine der Figuren in einem Bikini zu sehen, wenn sie das Spiel in unter drei Stunden schaffen.

Die Spieler sammeln Millionen für wohltätige Zwecke

In letzter Zeit gewannen Speedrunner an Popularität. Grund dafür sind nicht nur die spektakulären Videos, sondern auch ihr Engagement. Unter Speedrunnern hat es sich etabliert, ihre Kunst für gute Zwecke einzusetzen. Jährlich finden Charity-Veranstaltungen statt. Das Kollektiv TheSpeedGamers und Desert Bus for Hope veranstalteten 2008 die ersten Speedrun-Marathons, bei dem Speedrunner 72 Stunden lang Zelda spielten. 

Damals kamen 1.000 US-Dollar für die Kinderstation eines Krankenhauses zusammen. TheSpeedGamers haben so durch ihre Events schon etwa eine halbe Million Dollar gesammelt. Über die Charity-Marathons kam auch Joe alias KryptekSR zum Speedrunning. Anfang 2012 erfuhr er von so einem Marathon und dachte sofort: "Das will ich auch machen", sagt er.

2010 startete eine weitere Veranstaltungsreihe des Speed Demos Archive. Jeweils im Sommer und Winter finden deren Charity-Marathons statt. 2,7 Millionen US-Dollar wurden so schon für wohltätige Zwecke gesammelt, sagt Mike Uyama, einer der Gründer. Allein beim Awesome Games Done Quick 2014 nahmen die Speedrunner eine Million für die Krebshilfe Prevent Cancer Foundation ein. Der nächste Marathon findet vom 4. bis 10. Januar 2015 statt. Zeromaster hat bereits angekündigt, seine Bestzeit könne noch um einige Sekunden verbessert werden.