Eine Zeitlang wirkte sie wie ein Auslaufmodell. Doch längst ist die bemannte Raumfahrt zurück. China will Taikonauten zum Mond schicken, Russland ihn gar ab 2030 kolonisieren. Die USA planen Missionen zum Mars, auch Japan und Indien forcieren ihre Weltraumprogramme. Derweil liefert Hollywood das passende Begleitprogramm mit Filmen wie Gravity und Interstellar. Der Astronaut Chris Hadfield wurde durch ein Cover von David Bowie auf der Internationalen Raumstation selbst zum Popstar.

Das Space Race geht also in die nächste Runde und in der Games-Szene vollzieht sich eine ähnliche Renaissance: Die Weltraum-Simulation, ein vor allem in den Achtzigern und Neunzigern beliebtes Genre, kehrt mit aller Macht zurück. Gleich drei Großprojekte mit Oculus-Rift-Unterstützung buhlen um die Gunst der Hobby-Astronauten: Elite: Dangerous ist soeben für PC erschienen, No Man's Sky und Star Citizen folgen 2015 und 2016. Die Spiele setzen unterschiedliche Schwerpunkte: bei Grafik und Spielphysik, bei Handel, Ressourcen-Abbau und Kämpfen. Sie wollen die Weiten des Weltalls zum Schauplatz großer Dramen machen.

Piloten statt Strippenzieher

Vor allem bringen die Neuankömmlinge mehr Vielfalt in das Genre. Zugleich setzen sie Eve Online unter Druck, die einzige wirklich erfolgreiche Weltraum-Simulation der letzten zehn Jahre. Das MMORPG hat Hunderttausende Abonnenten, die ganz erheblich an der Entwicklung des Spiels beteiligt sind und ihre Regeln selbst aufstellen: So wurde Eve Online zu einer hochkomplexen Wirtschaftssimulation und zum Schauplatz gigantischer Weltraumschlachten mit Tausenden von Teilnehmern. Allerdings werden diese Schlachten nicht aus der Pilotenperspektive geschlagen, sondern durch Tastatur- und Mausbefehle. Das actionreiche Dogfight-Spiel Eve Valkyrie, das diese Lücke schließen könnte, wurde bisher noch nicht ins Hauptspiel integriert.

Manchen Spielern ist Eve Online zu trocken: Die vielen Tabellen brachten dem Spiel den Spitznamen "Spreadsheets in Space" ein. Elite: Dangerous hingegen setzt Spieler ins Cockpit eines wendigen Sidewinder-Raumgleiters, wo sie sofort die ersten Flugmanöver lernen, vom Andocken an der Raumstation bis zum Kampf mit mehreren Gegnern. Das ist zwar ziemlich anspruchsvoll und lernintensiv, weil viele Funktionen in verschachtelten Menüs sitzen und die Flugphysik den Newtonschen Gesetzen folgt. Doch wer das erst einmal beherrscht, der rast als waschechter Pilot durchs Weltall und nicht wie in Eve als strippenziehender Kommandant.

Bemerkenswert ist, dass beide Spiele dieselbe Inspirationsquelle haben. 1984 veröffentlichten David Braben und Ian Bell das erste Elite, das zum Klassiker wurde, weil es enorme Handlungsfreiheit und eine – für damalige Verhältnisse – revolutionäre 3-D-Grafik bot. Schon damals konnten Spieler zwischen Handel, Piraterie, Kopfgeldjagd, Asteroiden-Bergbau und anderen Aktivitäten wählen. Die offene Spielwelt beeinflusste nicht nur spätere Weltraum-Simulationen wie Wing Commander, sondern auch Spiele wie Grand Theft Auto.

Elite und seine beiden Sequels in den Jahren 1993 und 1995 waren dagegen reine Solo-Abenteuer, erst Eve verschmolz Weltraum-Simulation mit Online-Rollenspiel. Eine Mischung, die auch Elite: Dangerous bietet. Allerdings gibt es dort keine Rollenspiel-typischen Klassen und Level-Stufen. Außerdem ist das Online-Universum in viele kleine Instanzen, den sogenannten shards, aufgeteilt. Massenschlachten wie in Eve sind deshalb nicht möglich.

Einmal durch die Milchstraße fliegen

Finanziert wurde Elite: Dangerous über Kickstarter und Spenden der Fans, vor allem aber durch Eigenmittel des Entwicklers. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Spielwelt umfasst nach Angaben der Entwickler rund 400 Milliarden Sternensysteme der Milchstraße, wovon etwa 160.000 auf realen astronomischen Daten basieren. Die übrigen sind prozedural generiert: Sie werden, ähnlich wie die Spielwelt von Minecraft, nach und nach durch Algorithmen erschaffen. Gerade auf leistungsfähigeren PCs bietet Elite: Dangerous atemberaubenden Detailreichtum: Sonnenoberflächen wabern in der Hitze, Asteroidengürtel glänzen im Licht, Raumschiffe fliegen insektengleich durch die Docks gigantischer Raumstationen. Die Planeten selbst rotieren und unterliegen somit Tag- und Nacht-Zyklen.

Elite: Dangerous lässt sich nur online spielen. Der versprochene Offline-Modus wurde kurz vor dem Release abgesagt. Die Spieler bewegen sich auf verschiedene Arten durch die Galaxis. Distanzen zwischen Sternensystemen überbrücken sie per Hyperraum-Sprung, die maximale Entfernung hängt von Schiffsklasse und -gewicht ab. Zwischen Planeten und Raumstationen reisen Spieler in mehrfacher Lichtgeschwindigkeit, dem sogenannten Supercruise-Modus. Für kurze Flugdistanzen und Dogfights wiederum ist der herkömmliche Düsenantrieb da. Piloten können ihre Raumschiffe mit Lasern, Lenkraketen und Schild-Upgrades ausstatten oder sich mit dem unterwegs verdienten Geld gleich ein besseres Schiff kaufen. In den Dogfights kommt es nicht nur auf fliegerisches Können an. Sondern auch darauf, die Energie des Schiffes richtig auf Antrieb, Schilde und Waffen zu verteilen.