Zu Beginn von Dying Light besitzt der Held nur eine Rohrzange. Mit ihr bewaffnet pirscht er durch das Häusermeer der Stadt Harran, die von einer Zombie-Seuche heimgesucht wird. Die ersten Untoten lassen nicht lange auf sich warten: lethargische Gestalten, die langsam schwankend näher kommen. Ein Fußtritt reicht und der erste Zombie wird von den langen Stacheln aufgespießt, die aus einem Ölfass ragen. Ein Hieb mit der Rohrzange und dem zweiten platzt der Kopf. Wer diese Techniken beherrscht, der wird in Harran ein Weilchen überleben.

Das Survival-Horror-Spiel Dying Light erscheint am Dienstag als Download, am 30. Januar für PlayStation 4 und Xbox One, am 27. Februar dann auch auf Datenträgern – zumindest in den meisten europäischen Ländern. Ob, wann und in welcher Form es in Deutschland erscheint, ist noch ungewiss, denn Dying Light musste vorab durch die deutsche Jugendschutzprüfung. Und die zählt zu den strengsten der Welt.

Publisher Warner hat sich bislang nicht zum Stand des Prüfverfahrens geäußert. Erfahrungen mit ähnlichen Spielen lassen jedoch ahnen: Einer ungeschnittenen Fassung von Dying Light droht die Indizierung, soll heißen die Aufnahme in die Liste jugendgefährdender Medien, im Volksmund Index genannt. Dort landeten die ersten Videospiele bereits 1984. Aus heutiger Sicht wirken grobpixelige Spiele wie Speed Racer, River Raid und Battlezone harmlos, doch damals bescheinigte man ihnen eine "aggressionssteigernde Wirkung". 1994 wurde der 3D-Shooter Doom indiziert, erst 17 Jahre später wurde er wieder von der Liste gestrichen.

Die Prüfverfahren sind streng

Indizierte Spiele dürfen nicht beworben und nur "unter der Ladentheke" verkauft, also nur auf Nachfrage an Erwachsene herausgegeben werden. Im Versandhandel gelten strenge Anforderungen an die Alterskontrolle. Aktuell steht eine Reihe von Zombie-Games auf dem Index. Zu den bekanntesten zählen die Serien Dead Rising, Left 4 Dead und Dead Island. Letztere ist – wie auch Dying Light – im polnischen Spielestudio Techland entstanden.

Damit ein Spiel in Deutschland überhaupt indiziert werden kann, durchläuft es mehrere Prüfphasen an zwei Stellen. Zunächst reicht es der Publisher bei der USK ein: Die halbstaatliche Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle vergibt eine Alterseinstufung ab 0, 6, 12, 16 oder 18 Jahren. Sie kann eine Kennzeichnung aber auch verweigern: Dann nämlich, wenn sie glaubt, dass die Voraussetzungen für eine Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) erfüllt sind.

Wenn die USK eine Alterskennzeichnung verweigert, kann der Publisher das Spiel entweder in Deutschland gar nicht erst veröffentlichen, eine Berufung bei der USK einlegen, oder es ab 18 Jahren anbieten und eine nachträgliche Indizierung riskieren, sagt USK-Geschäftsführer Felix Falk ZEIT ONLINE. Für den Publisher sind alle drei Lösungen nicht erstrebenswert, schließlich erreicht sie weniger Käufer als wenn das Spiel frei verfügbar wäre. Eine Berufung könnte wie im Fall von Dead Space 2 zudem den Verkaufsstart des Spiel verzögern. 

Selbstzensur geht oft nach hinten los

Deshalb bleibt vielen Publisher oft  nur die vierte Lösung: Sie veränderen das Spiel und reichen es bei der USK als neues Verfahren ein. Dazu entschärfen sie das Spiel, indem sie etwa Splatter- und Blut-Effekte entfernen oder in seltenen Fällen sogar Spielfiguren ändern. Das allerdings führt unter Spielern häufig zu Kritik der "freiwilligen Selbstzensur". 

Um Konflikte mit der USK zu vermeiden, entschärfen manche Publisher ihre Spiele noch vor dem Prüfverfahren. Wenn sie dann trotzdem mit dem Siegel "100 % Uncut" auf der Verpackung werben, geht das womöglich nach hinten los: Portale wie schnittberichte.com dokumentieren jede Abweichung zwischen deutscher USK- und europäischer PEGI-Version. Etwa beim Shooter Sniper: Ghost Warrior von 2010: Im Intro des Spiels seien alle Bluteffekte entfernt worden, schreibt schnittberichte.com: "Somit wird der deutsche Kunde einmal mehr in die Irre geführt."

Für viele Fans ist die Sache bei Dying Light klar. "Immer wieder schade, wenn die Zensur zuschlägt", kritisiert User Zak McKracken auf playm.de  User Mehico Taco Boy schreibt: "Ich bin erwachsen und kann für mich selbst entscheiden. Deshalb will ich das Spiel auch so erleben, wie es von den Entwicklern vorgesehen ist." Andere Spielefans beklagen die scheinbare Willkür im Jugendschutz: Erst kürzlich sei doch das blutige Horrorspiel The Evil Within ungeschnitten in Deutschland erschienen. Warum jetzt also Hürden für Dying Light?