Byrons Welt liegt in Trümmern. Die Überreste der letzten Bewohner ragen aus dem Wüstensand. In einer verlassenen Bibliothek erinnern die wenigen verbliebenen Bücher an die Geschichte dieses Ortes: Byrons Welt war einst ein Zufluchtsort für die Menschheit, die auf einen neuen Planeten übersiedelte und doch die alten Probleme nicht lösen konnte. Die Spannungen zwischen den Völkern führten zur Spaltung, zum Bürgerkrieg und schließlich zum Ende einer Zivilisation.

So lautet die Geschichte von Byrons Welt im PC-Spiel Elegy for a Dead World. Oder besser gesagt: So lautet meine Geschichte von Byrons Welt. Ich habe sie erfunden. Als Spieler bin ich in der Rolle eines Besuchers auf dem verlassenen Planeten gelandet, habe mich durch die Ruinen einer Gesellschaft bewegt und versucht, ihr Schicksal zu ergründen. Jeder Spieler entwickelt eine ganz eigene Geschichte, das ist ausdrücklich erwünscht.

Elegy for a Dead World ist kein klassisches Spiel, sondern eine Schreibübung – jedenfalls für Spieler, die einigermaßen gut Englisch können. Es gibt keine Gegner, keine Waffen, keine Puzzles oder 3-D-Grafiken, sondern einzig die Herausforderung, eine Geschichte zu schreiben. Die Entwickler Ichiro Lambe und Ziba Scott vom kleinen Studio Dejobaan möchten den Spaß am kreativen Schreiben mit Gamification verbinden. Ihr Spiel soll nicht die nächsten Literaturnobelpreisträger hervorbringen, sondern die Fantasie der Spieler anregen. Sie sind überzeugt: Schreiben kann jeder, die meisten Menschen brauchen bloß etwas Anregung.

Die gibt es in Elegy for a Dead World in drei Welten, die nach Literaten aus der Romantik benannt sind: Byron, Shelley und Keats. Jede Welt besteht aus hübsch gemalten Hintergründen, die den Ausgangspunkt der Geschichte bilden. Verlassene Hallen führen in schummrige Gebetsräume. An einer anderen Stelle brummt eine mysteriöse Maschine vor sich: die Überreste eines Raumschiffs vielleicht? 

Obwohl die Szenen sich teilweise altbekannter Science-Fiction-Tropen bedienen, sind sie abwechslungsreich genug, um mehr als eine mögliche Geschichte zu erwecken – und spannender als dröge Schreibkurse wie es sie auf zahlreichen Websites gibt. Zwischen zehn und 15 "Schreibpunkten" in Form von Terminals gibt es je nach Welt und Auswahl. Und tatsächlich hilft das Spiel dabei, in einen Schreibfluss zu kommen und für einige Minuten in fremde Welten einzutauchen.

Prosa oder lieber Lyrik?

Die Idee zu Elegy for a Dead World kam den beiden Entwicklern eher zufällig. Sie kritzelten und malten auf einen Zeichenblock und legten die Arbeiten einem Bekannten vor. Als sie ihn fragten, was er sah, waren sie von seiner Interpretation überrascht. Wieso sollte das nicht auch als Spiel funktionieren? Die Entwickler sorgen für den Input, die Spieler schreiben die Geschichte. Im Oktober vergangenen Jahres stellten sie das Konzept auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter vor. Am Ende kamen über 70.000 US-Dollar für die Realisierung zusammen.

Eine frühe Version, die Lambe und Scott auf einer Spielekonferenz präsentierten, war allerdings ein Desaster. Die Spieler saßen vor den Hintergründen, sollten dazu etwas schreiben und den meisten fiel nichts ein. "Wir hatten ein Spiel entwickelt, bei dem sich die Leute mies fühlen", sagt Scott im Gespräch mit Wired.

Offenbar reichen bunte Bilder nicht aus, um alle Spieler zum kreativen Schreiben zu bewegen. Doch die Entwickler fanden ein Mittel gegen die anfängliche Schreibblockade: Kleine, vorgegebene Texte, deren Lücken die Spieler mit ihren eigenen Worten oder Sätzen füllen müssen. Für jede der drei Welten gibt es etwa zehn dieser Lückentexte in unterschiedlicher Form und Länge. Einige nehmen die Spieler an die Hand und leiten die Geschichte in eine vorgegebene Richtung. Andere sind abstrakter, verlangen Versform oder ungewöhnliche Erzählperspektiven.

Die Lückentexte sind nicht besonders komplex. Das sei aber geplant, erklärt Scott, denn man wolle die Spieler nicht entmutigen. Wer erst einmal im Schreibfluss ist, kann ohnehin gänzlich ohne die Vorgaben schreiben oder sie einfach ändern. Einschränkungen gibt es kaum, die einzelnen Terminals in den Welten können auch einfach übersprungen werden.