Wer würde nicht gerne hin und wieder die Zeit zurückdrehen, um Dinge ungeschehen zu machen? Um eine falsche Entscheidung anders zu treffen. Um einen falsch verstandenen Satz ein wenig besser zu formulieren. Oder einfach, um all jene Dinge geschehen zu lassen, von denen man meinte, sie um jeden Preis beeinflussen zu müssen. Als Zeitreisender könnte man das eigene Leben formen wie ein Stück Knete: Immer und immer wieder, bis es passt. 

Im Kino hat es die Zeitreise als Allmachtsfantasie zu einiger Berühmtheit gebracht. Filme wie 12 Monkeys oder Zurück in die Zukunft wurden Klassiker, weil sie den Tanz auf der Zeitachse als holpriges Hindernisrennen inszenieren: mit handfesten Gegnern, aber auch mit verwirrenden Kausalketten. Computerspiele entdeckten das Thema ebenfalls für sich: Day of the Tentacle verstreut seine Hauptdarsteller per Zeitmaschine in unterschiedliche Epochen, auch Zelda-Held Link ist ein notorischer Zeittourist. Braid und P.B. Winterbottom wiederum sind brillante Denksportaufgaben: mit Zeitanomalien, Doppelgängern und viel Abstraktion.

Life is Strange wählt einen ganz anderen Tonfall. Spieler erwartet keine überdrehte Sci-Fi-Komödie und auch kein abstraktes Denkspiel. Stattdessen etabliert Life is Strange in der ersten von fünf Episoden namens Chrysalis (per Download erhältlich für PC, PS4, PS3, Xbox One, Xbox 360) ein Mystery-Abenteuer an einem US-College namens Blackwell Academy. Die inzwischen 18-jährige Max Caulfield hat fünf Jahre mit ihren Eltern in Seattle gelebt, ehe sie fürs Fotografie-Studium in ihre Heimatort Arcadia Bay an der Nordwestküste zurückkehrt.

Das Leben und Lernen an der Blackwell Academy ist jedoch keineswegs so idyllisch, wie es der sonnendurchflutete Campus vermuten lässt: Hier gibt es reiche Schnösel, Mobbing und Einsamkeit. Die introvertierte Max ist von den Grabenkämpfen abgestoßen. Es quälen sie Zweifel an ihrem fotografischen Talent. Ein melancholisches Coming-of-Age zu Klängen von Mogwai, Syd Matters und Alt-J.

Die Situation spitzt sich zu, als Max auf der Schultoilette Zeugin eines Streits wird. Aus einem Versteck heraus verfolgt sie, wie der reiche Psychopath Nathan von einer Schülerin mit Vorwürfen konfrontiert wird. Nathan zieht eine Pistole, im Gerangel fällt ein Schuss, getroffen sinkt das Mädchen zu Boden. Als Max zu Hilfe eilen will, findet sie sich plötzlich im Klassenzimmer wieder – und erlebt dort genau jene Zeitspanne erneut, die vor ihrem Toilettenbesuch lag. Entgeistert stellt Max fest, dass sie die Zeit zurückspulen kann, und dass diese Gabe hilft, das Leben der Schülerin zu retten.

Anleihen von Twin Peaks

Von diesem Moment an legt das Spiel verschiedene Handlungsfäden aus. Bei der Geretteten handelt es sich um niemand anderen als Max' frühere Schulfreundin Chloe. Sie weiß offenbar ob der Machenschaften des Psychopathen Nathan. Der ist wiederum Mitglied im Vortex Club, einer elitären Studentenverbindung mit zweifelhaftem Renommee. Erst kürzlich ist die Studentin Rachel Amber spurlos verschwunden – sie war Chloes beste Freundin, hatte aber offenbar auch Feinde. Schon in der ersten Episode bekommt das Spiel einen leichten Touch von Twin Peaks: Nichts ist am College, wie es scheint. Und Max wird immer wieder von albtraumartigen Szenen geplagt.

Life is Strange erinnert gleich in mehrfacher Hinsicht an die Spiele der Firma Telltale Games. Auch deren Point-and-Click-Abenteuer (The Walking Dead, The Wolf among Us, Game of Thrones) legen viel Wert auf glaubwürdige Dialoge, sind in Episoden à zwei bis drei Stunden zerteilt und zeigen die Figuren aus der Perspektive der dritten Person. Vor allem aber müssen Spieler hier wie dort Entscheidungen treffen, die den Handlungsverlauf beeinflussen: So entscheidet der Protagonist des Zombie-Dramas The Walking Dead, welchem Mitflüchtling er das Leben rettet – und welchen er den Untoten überlässt.