Paris ist Schauplatz von Assassin's Creed Unity. New York verwandelt sich für GTA IV  in Liberty City. Und London bildet die Bühne für den viktorianischen Action-Kracher The Order: 1886. Reale Orte dienen immer wieder als Computerspielkulisse. Ihr Inventar an Sehenswürdigkeiten und Stimmungen wird aber erst durch Verfremdung richtig interessant: In Liberty City ist man nicht Tourist, sondern Gangster. Und in Assassin's Creed kein braver Fassadenknipser, sondern ein Held, der die Spitze von Notre-Dame erklimmt.

Deutsche Städte und Landschaften dagegen kommen in AAA-Produktionen nur selten vor – und wenn, dann meistens als Kriegskulisse: In Call of Duty (2003) erobert man als russischer Weltkriegssoldat Berlin. In Call of Duty: Modern Warfare 3 (2011) sind es dann US-amerikanische Elitesoldaten, die gegen russische Berlin-Invasoren kämpfen. Spieler zerlegen ein paar Straßenzüge in Reichstagsnähe: Berlin ist in diesen Spielen nur der Aufhänger für spektakuläre Ballerorgien.

Der dramaturgische Gegenentwurf sind Spiele wie der U-Bahn-Simulator U7 Berlin oder der Hafen-Simulator Hamburg: In ihnen führt der deutsche Arbeitsalltag ein strenges Regiment. Statt nervenzerfetzender Feuergefechte bieten sie sorgsam ineinandergreifende Produktions- und Dienstleistungsroutinen vor gewissenhaft nachgebauten Kulissen. Als auswärtiger Spieletourist erfährt man im Landwirtschaftssimulator womöglich mehr über das Wesen der Deutschen als, sagen wir, bei einem Besuch des realen Brandenburger Tores. Der Preis solcher Erkenntnis – stundenlanges Säen, Pflügen und Ernten – ist jedoch unverhältnismäßig hoch.

Ballerkulisse auf der einen, Agrarromantik auf der anderen Seite: Man möchte doch meinen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, deutsche Kultur in Games zu repräsentieren. Bereits 2008 forderte Mathias Mertens im Videospielmagazin Gee eine deutsche Version von Grand Theft Auto, jedoch nicht als Gangsterballade, sondern als Spiel zur Generation Golf: "Bushalte, Tanke und Dorfdisco – das wären die Entsprechungen für die Räume Los Santos, San Fierro und Las Venturas." In den Missionen dieses Achtziger-Jahre-Simulators ginge es ums Züchten von Urzeitkrebsen, um Fußballtraining und um Wettrennen mit Bonanza-Rädern. Als "Super-Sonder-Bonusmission" imaginiert Mertens eine Wette für Thomas Gottschalk, die Spieler sich selbst ausdenken und vor riesigem Publikum in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle vorführen müssen.

100.000 Euro staatlicher Zuschuss

So schräg das klingen mag: Womöglich würde ein Generation-Golf-Spiel heute via Crowdfunding viele Unterstützer finden. Ob es allerdings auch auf staatliche Anschubfinanzierung hoffen könnte, ist mehr als fraglich. Bier trinkende, an Tankstellen abhängende Jugendliche in Jeansjacken gehören eher nicht zum Kanon deutscher Geschichtsvermittlung. Zwar setzt die Games-Förderung der Bundesländer kaum explizite Grenzen, was die Förderwürdigkeit von Games angeht, vom Gewaltgehalt einmal abgesehen. Doch im Zweifelsfall wird wohl eher ein Spiel bezuschusst werden, das sich komfortabel an lokale Sehenswürdigkeiten und Folklore andocken lässt.

Der FilmFernsehFonds Bayern (FFF) zählt zu den aktivsten Förderinstitutionen auf Landesebene. In den letzten Jahren hat der FFF verschiedene Projekte mit Bayern-Bezug unterstützt, teils mit Beträgen über 100.000 Euro – unter anderem das Abenteuer Oktoberfest für Anfänger, die Handelssimulation Die Welser, das Rätselspiel Trapdoor Castles sowie ein Spiel zur Tabor-Süden-Krimireihe von Friedrich Ani.

Zu viel Lokalpatriotismus geht nach hinten los

Gleich mehrfach erhielt Bavariaville Geld aus dem Fonds, eine Art Farmville im bayerischen Ambiente. Man unterstütze vor allem qualitativ hochwertige Projekte heimischer Entwicklerstudios, sagt Förderreferentin Michaela Haberlander im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Wobei der bayerische Kirchturm im Spiel keine Auflage ist. Dieser Bayern-Bezug kommt allein von den Antragstellern, die sich mit ihrer bayerischen Kultur auseinandersetzen und diese in unsere digitale Welt in Form von Spielen übertragen wollen." Selbstverständlich würden auch andere Games gefördert, so Haberlander. Zum Beispiel die "gesamtdeutsche Kultfigur" Bernd das Brot.

Dass zu viel Lokalpatriotismus nach hinten losgeht, bewies ein Projekt von 2012. Das Browsergame Aufbruch Bayern, Teil der gleichnamige Zukunftsinitiative des Freistaats, schickte Spieler in eine voralpine Bergwelt: Als "mutige Heldinnen und Helden" sollten sie der blondgelockten Schutzpatronin Bavaria eine Gipfelfahne bringen. Finanziert wurde das Spiel von der bayerischen Staatskanzlei: Ziel war die Vermittlung der "bayerischen Kernwerte" Familie, Bildung und Forschung.