Dieses Spiel ist wunderschön und schaurig zugleich: Ori and the Blind Forest erzählt die Geschichte eines kleinen Naturgeistes, den eine dunkle Macht vom Urbaum des Waldes trennt. Fortan ist Ori auf sich allein gestellt. Um den sterbenden Wald zu retten, muss das katzenartige Wesen gegen Unmengen bösartiger Kreaturen antreten. Das zweidimensionale Jump 'n' Run inszeniert Oris Abenteuer in ausgesprochen stimmungsvollen Bildern, mit sturmzerzausten Baumwipfeln, dunkel schimmernden Teichen und weitverzweigten Höhlenlabyrinthen.

Im Kampf der aktuellen Konsolengeneration ist Ori ein Trumpf für Microsoft: Das Download-Spiel erscheint für die Xbox One, eine PC-Fassung gibt es ebenfalls. Für die Xbox 360 soll Ori im Laufe des Jahres erscheinen. Besitzer einer PlayStation 4 dagegen haben Pech gehabt. Die Sony-Konsole verkauft sich zwar immer noch weit besser als die Xbox One. Doch der Abstand verringert sich allmählich, seit Microsoft die Kinect-Kamera ad acta gelegt und den Preis der Konsole reduziert hat. Der wichtigste Faktor im Konkurrenzkampf ist allerdings das Software-Angebot. Und da geht es längst nicht mehr nur um Blockbuster wie Halo oder Uncharted, sondern auch um die Frage, wer die besten Independent-Games auf seine Konsole lockt.

Wie beliebt die Sparte inzwischen ist, hat gerade erst das Independent Games Festival (IGF) in San Francisco gezeigt. Indie-Entwickler können ihre Spielideen weitgehend ungefiltert umsetzen, weil sie nicht dem Diktat der Mainstream-Publisher unterliegen. Finanziert werden die Spiele oft durch Crowdfunding, Early Access und digitalen Eigenvertrieb. Indie-Games wie Octodad oder der schräge Goat Simulator verkaufen sich hunderttausendfach auf dem PC und werden damit auch für Konsolenbetreiber interessant.

2014 startete Microsoft sein Kooperationsprogramm ID@Xbox, das Indie-Entwicklern den Sprung auf die Xbox One erleichtern soll. Vergangene Woche gab das Unternehmen auf der GDC zahlreiche Neuzugänge bekannt, darunter Shovel Knight sowie Mighty No. 9 von Mega Man-Schöpfer Keiji Inafune.

Microsoft-Konkurrent Sony hat ebenfalls vielversprechende Indie-Games in petto, die teilweise sogar PS4-exklusiv erscheinen (Rime, Wild, Everybody’s Gone to the Rapture). Selbst die Zauderer von Nintendo öffnen ihren eShop langsam für Indie-Games – wohl auch, um die schwächelnde Wii U zu stärken.

Mit Ori präsentiert Microsoft einen herausragenden Frühjahrstitel. Erschaffen wurde das Spiel in den Moon Studios, die sich selbst "independent" nennen und 2010 von ehemaligen AAA-Entwicklern gegründet wurden. Allerdings ist Moon seit 2011 vorwiegend für Microsoft tätig, so lange hat die Entwicklung von Ori gedauert. Auf der Electronic Entertainment Expo 2014 präsentierte Microsoft das Spiel zwischen Halo, Forza und Call of Duty – Blockbustern also, die ein Vielfaches an Produktionskosten verschlingen. Die Botschaft war klar: Sehr her, auch wir können Indie! Microsoft spricht damit Zielgruppen an, die von den immer gleichen Sequels angeödet sind.

Auch als fremdfinanzierte Auftragsarbeit trägt Ori noch deutliche Spuren seiner Indie-DNA. Das beginnt schon beim Gameplay. Ori lässt Spieler eine weitläufige Welt mit vielen Nischen erkunden.  Im Spielverlauf erlernt der kleine Waldgeist neue Kampf- und Sprungtechniken, mit denen er auch die zunächst unerreichbaren Orte – etwa eine Felsplattform unter der Höhlendecke – nachträglich erschließen kann (backtracking heißt das). Ori ähnelt damit jenen Metroidvania-Spielen, die in den Achtziger und Neunziger Jahren auf Konsolen erfolgreich waren und deren Tradition danach vor allem von Indie-Entwicklern fortgeführt wurde, während die großen Publisher zunehmend auf 3-D-Actiontitel setzten. In Ori macht selbst das als langweilig verschriene backtracking Spaß, weil es neue Herausforderungen bietet.

"Ori" frustriert manchmal, weil es so schwer ist

Dass Ori stets spannend bleibt, hat mehrere Gründe. Die Macher erfinden zwar keine neuen Spielmechaniken, setzen ihre Anleihen aber sehr geschickt ein. In den "Verlassenen Ruinen" etwa verändert sich die Schwerkraft, so dass Ori auch an Wänden und Decken läuft – man kennt das aus anderen Games. Speicherpunkte ("Seelenverbindungen") kann der Spieler jederzeit selbst festlegen, vorausgesetzt, er hat ausreichend blaue Kristallenergie gesammelt. Tomb Raider III lässt grüßen. Erfahrungspunkte, die Ori in Kämpfen sammelt, investiert er neue Fertigkeiten wie Doppelsprünge und Wandläufe, in seine Widerstandskraft oder die Durchschlagkraft seiner Flammen-Attacken.

Besonders die flexiblen Speicherpunkte erweisen sich als sehr hilfreich. Trotz seines harmlosen Äußeren ist Ori and the Blind Forest ein stellenweise beinhartes Geschicklichkeitsspiel, bei dem es auf millimetergenaue Sprünge und perfektes Timing ankommt. In manchen Passagen stirbt Ori Dutzende Tode – zum Beispiel, wenn er am Level-Ende einen Parcours unter Zeitdruck durchlaufen muss. Selbst erfahrene Jump -'n'-Run-Spieler werden den einen oder anderen Frustmoment erleben, weil Ori Steuerungsfehler nicht verzeiht. Doch genau dieser knackige Schwierigkeitsgrad lässt einmal mehr die Indie-DNA durchscheinen. Es waren ja gerade Independent-Games wie VVVVVV oder Super Meat Boy, die ständigem Scheitern zur Selbstverständlichkeit verhalfen.

Die vierjährige Entwicklungszeit zeigt sich aber nicht nur in den sorgfältig durchkomponierten Teilwelten. Atmosphärisch zählt Ori zum besten, was in den letzten Jahren auf Konsole und PC erschienen ist. Allein schon die Einstiegssequenz – ihr Inhalt soll hier nicht verraten werden – schafft eine emotionale Fallhöhe, die Oris anschließende Odyssee um so intensiver wirken lässt. Zumal Moon die Erzählung nie aus der Hand gibt, sondern im Lauf des rund zehnstündigen Abenteuers für diverse Kehrtwendungen sorgt. Ori mag stellenweise frustrieren, entschädigt aber mit packendem Level-Design und einer Stimmung wie in den besten Ghibli-Filmen.