Dürfen in Game of Thrones noch Köpfe abgeschlagen werden, während die Terrormiliz "Islamischer Staat" so etwas in ihren Videos von Geisel-Hinrichtungen zeigt? fragten wir kürzlich. Wer das mit Nein beantwortet, könnte es schwer haben, die Aktion von ArenaNet zu bewerten.

Das Spielestudio betreibt das Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel (MMORPG) Guild Wars 2. Menschen, Riesen und andere Wesen kämpfen darin gegen Drachen, was auch an die TV-Serie Game of Thrones denken lässt. Aber um den Vergleich geht es hier nicht. Vielmehr geht es um den Spieler mit dem Benutzernamen DarkSide, dem andere Spieler wiederholt vorwarfen, die Regeln zu brechen und mithilfe von Hacks eigentlich unmögliche Dinge im Spiel anzustellen – zum Schaden der anderen. Die Betroffenen veröffentlichten sogar ein Beweisvideo.

Darauf wurde offenbar auch ArenaNet aufmerksam. Die Betreiber entschlossen sich zu einer Abschreckungsmaßnahme. Sie übernahmen mit ihren Administratorrechten die Kontrolle über DarkSides Spielfigur, entkleideten diese und ließen sie von einer Brüstung in den Tod springen. Anschließend löschten sie das Konto von DarkSide. Die Aktion – inklusive dem Todesröcheln der Figur – hielten sie in einem YouTube-Video fest, das sich mittlerweile fast eine Million Menschen angesehen haben.

Die anderen Guild-Wars-2-Spieler fanden das überwiegend lustig und bedankten sich bei ArenaNet für die öffentliche Bestrafung des Betrügers. Angesichts dessen, was in Games wie diesem passiert und zu sehen ist, ist ein grausamer Tod mehr oder weniger natürlich auch kaum der Rede wert. Dass es ArenaNet eher darum ging, DarkSide bloßzustellen, als irgendwen zu schockieren oder gar Selbsttötung zu verharmlosen, wird auch deutlich. Hinzu kommt, dass ein Computerspiel immer noch deutlich weniger realistisch wirkt als die Bilder in einer TV-Serie wie Game of Thrones.  

Aber Medien sind angehalten, sich bei der Berichterstattung über Selbsttötungen an einen Leitfaden zu halten, um keinen sogenannten Werther-Effekt auszulösen – sprich: niemanden durch reißerische und vereinfachende Berichte zur Nachahmung zu animieren. Ob sich auch ein Spielestudio daran halten sollte, darüber ließe sich zumindest diskutieren.

Update vom 12.5.: Viele Leser haben diesen Artikel kritisiert, teils für die ihrer Meinung nach reißerische Überschrift, vor allem aber für den Inhalt. 

Als Autor des Artikels möchte ich versuchen, auf die Kritk einzugehen. Zunächst einmal: Ich weiß, es ist nur ein Spiel. Aber ZEIT ONLINE begreift Games schon lange nicht mehr als reine Unterhaltung, sondern als Kulturgut, das – wie Bücher oder Filme auch – Einfluss auf die Gesellschaft haben kann. Das heißt nicht, dass ich Gewaltdarstellungen in Games (oder in Filmen, TV-Serien oder Büchern) grundsätzlich ablehne oder plumpe "Killerspiel"-Argumente vertrete, wie mir manche Kommentatoren vorwerfen.

Ich war und bin mir selbst nicht sicher, ob ich die Aktion von ArenaNet gut finde oder nicht. Meine erste Reaktion war: Lustige Idee! Meine zweite: Wird der Suizid der Spielfigur (der streng genommen nicht freiwillig erfolgte und ebenso als "Exekution" angesehen werden kann) hier als einfache Lösung für ein Problem dargestellt, samt fröhlichem Winken der Figur kurz vor dem Sprung in den Abgrund? Wenn ja, könnte das eine problematische Verharmlosung sein? Oder ist die Darstellung zu abstrakt, vielleicht sogar humorvoll, als dass sie eine solche Botschaft transportieren könnte? Meine dritte: Spielt die Tatsache, dass ArenaNet ein Video davon auf YouTube veröffentlicht und damit eine Öffentlichkeit hergestellt hat, die über jene im Spiel hinausgeht, dabei eine Rolle? Müsste eine Firma in so einem Fall bedenken, dass die Darstellung auf Nicht-Spieler einen anderen Eindruck machen könnte als auf Spieler?

Der Versuch, diese Überlegungen in Form eines kurzen Artikels als offene Fragen in den Raum zu stellen und darauf zu hoffen, dass sie eine ernsthafte Diskussion auslösen, ist fehlgeschlagen.

Wie geht es nun weiter? Ich werde die Reaktionen auf diesen Nachtrag abwarten und entscheiden, ob sie einen weiteren Artikel rechtfertigen. Zudem habe ich die PR-Abteilung von ArenaNet per E-Mail gefragt, ob sie meine Überlegungen nachvollziehen können und was sie dazu sagen. Sobald ich eine Antwort habe, werde ich sie an dieser Stelle hinzufügen.

Anmerkung der Redaktion: ZEIT ONLINE geht behutsam mit dem Thema Suizid um, da es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Letztere können mit professioneller Hilfe gelindert und sogar geheilt werden.

Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie etwa bei der Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 - 111 0 111 und 0800 - 111 0 222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym, kostenlos und wird weder auf der Telefonrechnung noch dem Einzelverbindungsnachweis erfasst. Weitere Beratungsangebote sind etwa hier auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention zu finden.

Hilfe für Angehörige Suizidgefährdeter bietet auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker unter der Rufnummer 01805 - 950 951 und der Festnetznummer 0228 - 71 00 24 24 sowie der E-Mail-Adresse seelefon@psychiatrie.de.