Brücken sind faszinierende Bauwerke, im technischen wie im übertragenen Sinn. Auf der einen Seite stellen sie herausragende Ingenieursleistungen dar, wie die Golden Gate Bridge oder das Viaduc de Millau. Auf der anderen Seite sind Brücken auch metaphorisch vielseitig einsetzbar: Der Pontifex lässt sich etwa etymologisch mit einem Brückenbauer gleichsetzen, Griechenland hat nach Meinung von Sigmar Gabriel unlängst die letzten Brücken eingerissen und die DDR-Rocker von Karat wussten, dass sieben Brücken der Weg zum hellen Schein sind.

In der Spielebranche ist die Faszination des Brückenbauens ebenfalls ungebrochen. Da gibt es Klassiker wie Bridge Builder oder Pontifex, die mit der Nüchternheit eines Physiklehrers daherkommen. Es gibt neue Entwicklungen wie Bridge Constructor oder das vor Kurzem vorgestellte 3D Bridges. Und es gibt buntere Auswüchse wie Elefunk, Armadillo Run oder das quirlige und preisgekrönte World of Goo, in dem sich die Spieler mit wabbeligen Konstruktionen von Level zu Level vorarbeiten müssen.

Das neueste Spiel in dieser Reihe heißt Poly Bridge, das es jetzt für circa zwölf Euro auf Steam (PC, Mac, Linux) als sogenannten Early-Access-Titel gibt. Es befindet sich zwar noch in der Entwicklung, enthält aber schon genug Inhalt für mehrere Stunden Spielspaß. Wie es sich für eine echte Brückenbausimulation gehört, ist es ebenso für angehende Ingenieure als auch für jene Spieler interessant, die im Physik-Unterricht geradezu naturgesetzmäßig scheiterten. Der Autor dieser Zeilen weiß, wovon er spricht.

Ein Spiel kann eine Brücke sein

In Sachen Spielmechanik orientiert sich Poly Bridge an den Klassikern. Mit der Maus wählen die designierten Architekten ihre Baumaterialen und platzieren sie auf dem digitalen Reißbrett. Zunächst die Straße, dann etwas Holz, um sie zu stabilisieren, fertig ist die gute alte Fachwerkbrücke. Bevor es zum nächsten Auftrag geht, muss sie noch abgenommen werden. Dazu wechselt Poly Bridge in den Simulationsmodus und todesverachtende Computerfahrer dürfen das Bauwerk testen.

Mit jedem Level steigt der Schwierigkeitsgrad, was in diesem Fall bedeutet, dass die Brücken höheren Ansprüchen genügen müssen und das Budget sowie das verfügbare Material begrenzt sind. Bald reicht Holz nicht mehr, sondern es geht mit Stahlseilen, Pfeilern und Hydraulik darum, immer komplexere Bauwerke zu erstellen, die nicht nur Mopeds, sondern auch (natürlich leeren) Schulbussen standhalten müssen. Es wird also knifflig, und spätestens ab der zweiten Welt rauschen, krachen und stürzen die Pixelautos regelmäßig in die reißenden Fluten oder gegen die Klippen.

Scheitern unter Freunden

Entmutigend? Mitnichten. Poly Bridge gelingt es, das Scheitern ebenso zu zelebrieren wie den Erfolg. Das Gefühl, wenn die abenteuerliche Konstruktion zwar bedrohlich schwankt, aber trotzdem erst nach der erfolgreichen Überquerung zusammenstürzt, ist ebenso unterhaltsam wie das eigene Unvermögen. Jeden Versuch, ob erfolgreich oder nicht, können die Spieler in Form von animierten Gifs direkt aus dem Spiel heraus speichern: Entweder lokal auf der Festplatte, per Kurznachricht auf Twitter oder auf der Website des neuseeländischen Entwicklerstudios Dry Cactus.

Somit entsteht eine Galerie, die architektonische Meisterleistungen ebenso feiert wie die Brücken des Todes, beeindruckende Konstruktionen treffen auf optimistische Fehltritte, die selbst die Architekten des neuen Berliner Flughafens nicht hätten besser hinbekommen können. Zusätzlich zum klassischen Spaß am Knobeln kommt das Gefühl des gemeinsamen Scheiterns. Das kommt sogar auf, wenn man das Spiel gar nicht selbst spielt, sondern nur anderen auf YouTube zuguckt.

Poly Bridge erfindet das Genre letztlich nicht neu, setzt mit seiner unbekümmerten Aufmachung und dem bunten Low-Poly-Look, den mittlerweile zahlreiche Indie- und mobile Spiele verwenden, die Tradition des Genres aber gekonnt fort. Rund 60 Level enthält die Kampagne des Spiels zum jetzigen Zeitpunkt, über den Sandbox-Modus können die Spieler zudem eigene Herausforderungen erstellen und anschließend, wenn das Spiel fertiggestellt ist, über den Steam-Workshop mit anderen Spielern teilen. Denn wie bei allen Brückenbausimulationen gilt auch bei Poly Bridge: Gemeinsam stürzt es sich viel schöner ein.