Im Kampf um Preisgelder griffen E-Sportler regelmäßig zu Psychopharmaka, berichtete im Juli ein Counter-Strike-Spieler. Doping unter professionellen Spielern sei weit verbreitet. Als Reaktion darauf werden am kommenden Wochenende bei der ESL One Cologne, dem größten Counter-Strike-Turnier in Deutschland, erstmals Dopingkontrollen durchgeführt. Doch die Szene hat ein viel größeres Problem mit digitalem Doping, besser bekannt als Cheating.

Besonders in der Counter-Strike-Szene werden mit Cheat-Programmen oft unerlaubte Hilfsmittel eingesetzt; in Shootern sind sie nämlich besonders effektiv. Sie helfen beim Zielen oder zeigen Gegner hinter Wänden an. Dass E-Sportler versuchen, mit allen Mitteln zu gewinnen, ist kein Wunder: Siegern der großen Turniere winken mehrere Hunderttausend US-Dollar Preisgeld und neue Sponsoringverträge. Und wo Geld im Spiel ist, sind Betrugsversuche meist nicht weit entfernt. Die Counter-Strike-Entwickler von Valve und die Turnierveranstalter der ESL wollen das verhindern.

"Die Profis werden cheaten"

"Bei der ESL One Cologne werden Spieler cheaten", sagte ein Cheat-Coder, der nicht genannt werden möchte im Gespräch mit golem.de. Diese Aussage wollte allerdings kein anderer aus der Szene bestätigen. Unsere Gesprächspartner sagten nur, dass Cheating auch in der Profiszene weiter ein Thema sei. Auf die Frage, ob professionelle Counter-Strike-Spieler Cheats einsetzten, antwortete der in der Szene bekannte Coder Supex0 kurz und prägnant: "Mit Sicherheit." Sein Cheat war es, der vor der Dreamhack im Winter 2014 in Schweden den bisher größten Cheating-Skandal in der Counter-Strike-Szene auslöste.

Dass die Coder keine konkreten Informationen geben wollen, überrascht nicht – schließlich würden sie damit ihre Kunden preisgeben. Kunden einer Branche, in der es um viel Geld geht: Zuverlässige Cheat-Provider verdienen gut und gerne 10.000 Euro im Monat, oftmals sogar noch mehr. Teilweise haben sie sogar eine Preisgeldbeteiligung. "Der Cheat-Markt ist im Laufe der Zeit riesig geworden", erklärt der Cheat-Coder Ko1n. "Früher wurden Cheats aus Spaß an der Sache von Codern geschrieben, heute geht es den meisten einfach darum, Geld zu verdienen."

"Als ich 2006 angefangen habe, gab es ein paar IRC-Channels, in denen sich der Großteil der deutschen Szene aufgehalten hat. Jeder hat damals jedem geholfen und kaum jemand hat profitorientiert gedacht. Coole Ideen oder Code-Snippets wurden geteilt", blickt Ko1n zurück. "Die gesamte Szene hat sich stark verändert." Um Cheats zu erstellen, werde lange nicht mehr so viel Wissen benötigt wie noch vor ein paar Jahren. Der gleichen Meinung ist Tr1cky. Er ist Teil des High-Minded-Teams, das ebenfalls Cheats anbietet. "Viel Code ist mittlerweile in öffentlichen Foren zu finden. Das Erstellen von Cheats ist viel leichter geworden", erklärt er, "immer mehr Anbieter überschwemmen den Markt."

Das macht es leichter für die Spieler, an Cheats zu kommen: Einmal googeln und zahlreiche Foren und Webseiten bieten Cheats zum Kauf an. Wem vertraut werden kann, ist nicht zu erkennen. So kommt es nicht selten vor, dass Kunden betrogen werden. In den wenigsten Fällen werden Kontaktdaten abseits der E-Mail-Adresse und vielleicht des Skype-Kontos ausgetauscht. Sowohl Cheat-Anbieter als auch Kunden wollen anonym bleiben. Aus diesem Grund ist die Paysafecard ein beliebtes Zahlungsmittel in der Szene, hier verschicken die Interessenten bloß einen Code, aber keine persönlichen Kontodaten.

Veranstalter entwickeln eigene Anti-Cheat-Programme

Selbst Experten können anhand von Spielszenen nicht immer erkennen, ob Cheats eingesetzt werden. Valve hat deshalb seit vielen Jahren ein Anti-Cheat-System für Counter-Strike: die VAC-Detection. "VAC basiert hauptsächlich auf einer Blacklist und ein paar weiteren Erkennungsmechanismen", sagt Ko1n.

Die Hersteller selbst sprechen nicht gerne über Anti-Cheat-Anwendungen, da sie die Mechanismen nicht erklären wollen, um keine neuen Angriffsmöglichkeiten zu schaffen. Es werden also hauptsächlich bereits bekannte Cheats erkannt. Für das normale Matchmaking reicht das System aus, da in regelmäßigen Bannwellen die Cheats der großen Anbieter verbannt werden. Unbekannte, private Cheats bleiben aber größtenteils unentdeckt.

Deswegen besitzt jeder größere Veranstalter zusätzlich ein eigenes Anti-Cheat-System. Die ESEA hat ein eigenes Tool entwickelt, ebenso die ESL, die es schlicht Anti-Cheat nennt. "ESL Anti-Cheat überwacht während des Spiels, welche Prozesse neben dem Spiel laufen und sucht auch auf Treiberebene nach Unstimmigkeiten. Auch wird in der Config nach manipulierten Spieldateien gesucht, indem bestimmte Dateiwerte überprüft werden", erklärt Marcel Menge von Turtle Entertainment, der das Tool mitentwickelt. Indem wesentlich mehr Daten analysiert werden, wird versucht zu erkennen, ob Spieldateien etwa durch DLL-Injections verändert wurden.

Die gesammelten Daten werden verschlüsselt an die ESL gesendet. "Wir verschlüsseln, um den Datenschutz zu gewährleisten, aber auch damit die Dateien nicht manipuliert werden können", sagt Menge. Auf den Servern der ESL werden die Daten analysiert. Sind keine Unstimmigkeiten zu finden, werden sie gelöscht. Wird allerdings ein Cheat erkannt, darf der Spieler zwei Jahre lang nicht mehr in der ESL spielen.