Jack Joyce besitzt übermenschliche Fähigkeiten: Er kann die Zeit ganz nach Belieben anhalten, verlangsamen und zurückspulen. Joyce ist die Hauptfigur des Spiels Quantum Break, das Anfang April 2016 exklusiv für die Xbox One erscheint. Auf der Pressekonferenz zum Start der Spielemesse Gamescom in Köln zeigte Microsoft eine krachende Action-Sequenz, in der Joyce seine Fähigkeiten zum Einsatz bringt: Erst besiegt er auf einem Fabrikgelände eine halbe Armee, indem er Geschossen in Zeitlupe ausweicht und seine Gegner in Zeitblasen einfriert. Danach stößt er in einem abbruchreifen Lagerhaus auf flackernde Bilder aus der Vergangenheit und rekonstruiert die Geschehnisse per Rückspulfunktion.

Einfach mal die Zeit zurückspulen – das würde Microsoft wohl gerne auch bei seiner Konsole. Seit dem verkorksten Start Ende 2013 hechelt die Xbox One der Konkurrentin Playstation 4 bei den Verkaufszahlen hinterher. Zwar hat Microsoft seine Konsole längst vom Ballast der Lausch-Kamera Kinect 2.0 befreit und verkauft sie mit Spiele-Dreingaben. Verkürzen lässt sich der Abstand aber nur durch spürbare Preissenkungen. Oder eben durch besonders attraktive und exklusive Spiele, die es für die PS4 nicht gibt.

Veranstaltungen wie die Gamescom sind für Konsolenhersteller die perfekte Bühne: Zigtausende Spieler sind vor Ort, Millionen verfolgen die Berichte und Live-Streams. Wer also zur Messe ein starkes Line-Up präsentiert, kann im Konsolenrennen Punkte sammeln. Für die diesjährige Gamescom hat Microsoft eine Steilvorlage erhalten, Sony verzichtete nämlich auf eine glamouröse Vorab-Show und zeigt die Spiele erst später am Messestand. So richtig nutzen konnte Microsoft die Gunst der Stunde dennoch nicht. Und das lag nicht nur an der dürftigen Dramaturgie der Show, die Menschen und Spiele im Minutentakt über die Bühne scheuchte.

Drei Blockbuster für die Xbox One

Es waren vor allem die groß angekündigten Exklusiv-Blockbuster, die nicht recht überzeugen konnten. Mit der Ausnahme Quantum Break, das am 5. April 2016 erscheint und die hochgesteckten Erwartungen tatsächlich erfüllen könnte: Das Spiel des finnischen Studios Remedy Entertainment (Max Payne, Alan Wake) verlässt sich eben nicht nur auf abwechslungsreiche Zeitmechaniken, sondern verknüpft diese mit detektivischen Ausflügen in die Vergangenheit - darauf zumindest lässt das Ende des Gameplay-Videos schließen, das auf der Pressekonferenz zu sehen war.

Austauschbar wirkt dagegen, was Microsoft vom bevorstehenden Action-Titel Crackdown 3 zeigte: Eine frei erkundbare und komplett zerstörbare Großstadt, in der ein kantiger Super-Cop für Ordnung sorgt. Der comichafte Cel-Shading-Look mag zwar nett sein, doch muss das Spiel erst noch beweisen, dass es das Häusermeer als Open-World-Spiel besser inszenieren kann als die Referenztitel Batman und Infamous.

Scalebound, der dritte Blockbuster, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits werden Drachen und Dinosaurier in letzter Zeit ziemlich penetrant in Spielen platziert. Andererseits könnte es durchaus Spaß machen, gemeinsam mit einem schuppigen Verbündeten feindlich gesinntes Drachenvolk zu bekämpfen. Wäre da nicht die zweifelhafte Entscheidung des an sich renommierten Studios Platinum Games (Bayonetta, Vanquish), einem pseudo-coolen, blondierten Halbstarken die Hauptrolle zu geben. Hier bleibt abzuwarten, wie flexibel das Zusammenspiel von Mensch und Drache sein wird. Der Gameplay-Trailer bei der Microsoft-Show liefert diesbezüglich kaum Anhaltspunkte.

Traditionell leidet die Gamescom unter der Tatsache, dass die meisten neuen Spiele schon auf der Electronic Entertainment Expo (E3) im Juni angekündigt werden. Exklusive Vorstellungen sind auf der Kölner Messe selten. Die einzige richtige Neuheit, die Xbox-Chef Phil Spencer am Dienstag verkünden durfte, ist Halo Wars 2, ein Strategiespiel, das von Creative Assembly (Total War: Attila) produziert wird und im zweiten Halbjahr 2016 erscheinen soll. Das zeitexklusive Rise of the Tomb Raider ercheint dagegen bereits am 13. November diesen Jahres und hat damit ein Jahr Vorsprung auf die Playstation-Fassung.