Es dauert ungefähr drei Stunden, bis ich das erste Mal laut fluche. Zum zehnten Mal laufe ich nun durch den gleichen Dungeon, zum zehnten Mal verschließt sich mir der Rückweg auf mysteriöse Weise, springen eine Handvoll Ninjas aus dem Nichts auf mich zu, während andere auf mich schießen und zwei unförmige Geschöpfe in der Mitte des Raumes auf- und abspringen. Zum zehnten Mal entwische ich den Angriffen durch gezielte Sprünge, schwinge blitzschnell mein Schwert und schalte Gegner mit gekonnten Schüssen aus der Laserpistole aus – doch es reicht wieder nicht. Zum zehnten Mal in Folge sterbe ich.

Dass ich es trotzdem ein elftes Mal versuche, ist eine der Leistungen des Action-Rollenspiels Hyper Light Drifter, das vor Kurzem für den PC erschienen ist (19,99 Euro auf Steam oder GOG). Sein hoher Schwierigkeitsgrad ist herausfordernd, aber nicht demütigend und schon gar nicht unfair. Richtiges Timing, schnelle Reaktionen und vor allem das richtige Nutzen der Umwelt machen aus scheinbar zufälligen Klickorgien taktisch anspruchsvolle Kämpfe, die mitunter an die Dark Souls-Serie erinnern: Wer spielt, der stirbt. Mehrfach. Dafür ist der Erfolg am Ende umso schöner.

Hyper Light Drifter wurde 2013 als Kickstarter-Projekt finanziert. 27.000 US-Dollar wollten der US-Entwickler Alex Preston und sein kleines Indie-Studio Heart Machine ursprünglich sammeln. Am Ende investierten die Fans fast 650.000 US-Dollar. Ein solcher Erfolg hatte in der Vergangenheit schon so manches Crowdfunding-Projekt an den Erwartungen scheitern lassen. Preston und sein kleines Team aber lösten, wenn auch verspätet, ihr Versprechen ein und erschufen nun eines der bislang besten Indiegames des Jahres.

Meisterhaftes Driften

Preston nennt sowohl die Zelda- als auch die Diablo-Reihe als Inspirationen für Hyper Light Drifter, und beide Einflüsse sind sichtbar. Die Spieler schlüpfen in die Rolle eines namenlosen Abenteurers, des sogenannten Drifters. Der wacht nach einem schwerwiegenden Ereignis in einem Dorf auf und kann anschließend seine 2-D-Welt erkunden, Artefakte sammeln und somit nach und nach neue Gebiete und mächtige Zwischengegner freischalten. So weit, so Zelda.

Die Spielwelt steht den Spielern zu Beginn weitestgehend offen. In alle vier Himmelsrichtungen können sie das sichere Dorf verlassen, wobei die jeweiligen Gebiete unterschiedlich schwer sind. Manchmal hilft es, sich zunächst einem anderen Areal zu widmen und später, mit besserer Ausrüstung, wiederzukommen. Die überall in der Welt versteckten Fragmente können nämlich in neue Fähigkeiten investiert werden. Zu Beginn ist der Drifter nur mit einem Schwert, einer Pistole und einer einzigen Bewegung ausgestattet, aber nach und nach kann er etwa Projektile zurückschleudern und mehrmals hintereinander zwischen den Gegnern hin- und herspringen.

Dieses schnelle drifting zu meistern benötigt Zeit, ist aber notwendig. Je weiter sich der Abenteurer bewegt, desto schwieriger werden die Gefechte, die sich häufig in engen Räumen abspielen. Health Kits sind selten, sie sind schnell verbraucht und auch wenn die Speicherpunkte recht großzügig gesetzt wurden, kommt man nicht drumherum, einzelne Gebiete mehrfach zu spielen. Das sollte man aber ohnehin, denn fast überall warten geheime Gänge und versteckte Passagen.

Neben den anspruchsvollen Kämpfen machen sowohl das Leveldesign als auch die Ästhetik den Reiz von Hyper Light Drifter aus. Mit seiner Retro-Pixeloptik folgt das Spiel zwar einem gängigen, vielleicht schon etwas durchgekauten Indie-Trend. Aber so konsequent und stilsicher wurde lange kein Spiel umgesetzt. Jeder Abschnitt der 2-D-Welt ist anders, jedes Gebiet hat seinen eigenen Stil, abstrakte Architektur folgt auf verwunschene Wälder und Katakomben voller Technik. Die rosa-bunte Farbpalette täuscht dabei nur kurz über die Tatsache hinweg, dass die Welt von Hyper Light Drifter nicht nur gefährlich, sondern durch und durch kaputt ist. Doch was genau passiert ist, das bleibt vor allem in der Interpretation der Spieler.