Computerspiele haben sich Fernsehserien zuletzt immer stärker angenähert. The Wolf Among Us, Life is Strange oder auch Minecraft: Story Mode verteilen ihre Handlung auf Episoden, die im Abstand von mehreren Wochen oder Monaten erscheinen, mit Cliffhangern, Rückblenden und umfangreichem Personal. Der Third-Person-Shooter Quantum Break dreht den Spieß um und packt vier etwa 20-minütige, an TV-Folgen erinnernde Sequenzen in ein komplettes Spiel. 80 Minuten, in denen Spieler nur zuschauen, aber nicht eingreifen können.

Hinter dem Experiment steckt der Finne Sam Lake. Der Autor, der eigentlich Sami Järvi heißt, ist mit den Remedy-Spielen Max Payne und Alan Wake bekannt geworden. In Quantum Break, das am kommenden Dienstag für PC und Xbox One erscheint und rund 70 Euro kostet, erzählt Lake die Science-Fiction-Geschichte einer globalen Bedrohung: Ein Zeitreise-Versuch ist schiefgegangen und hat einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum verursacht, der ständig wächst. Wird der Schaden nicht behoben, droht das "Ende aller Zeit", das Universum würde in eine ewige Starre verfallen.

Schauplatz von Quantum Break ist die fiktive US-Ostküstenstadt Riverport. Dort entwickelt sich das Duell zweier Männer: Auf der einen Seite Jack Joyce, der durch seinen Bruder Bill, einen Wissenschaftler, in das Zeitreiseexperiment hineingezogen wurde und der durch dessen Scheitern übermenschliche Kräfte erhält. Auf der anderen Seite Paul Serene, Chef des Hightech-Konzerns Monarch Solutions, der die Katastrophe ausgelöst hat und nun einen Weg aus der Krise sucht – allerdings mit reichlich undurchsichtigen bis offen fragwürdigen Mitteln. Auch innerhalb von Monarch brodeln diverse Konflikte. Wer selbstsüchtig und wer gemeinnützig handelt, ist zunächst kaum zu erkennen.

Jack nutzt seine Superkräfte im Kampf gegen Serenes Schergen. Beispielsweise friert er Feinde sekundenlang in Zeitblasen ein und nimmt sie währenddessen ungehindert ins Visier. Oder er rast blitzschnell auf sie zu, um sie im Nahkampf zu besiegen. Zu seinem Superkräfterepertoire zählen auch blasenförmige Schutzschilde, Explosionen und ein Röntgenblick, mit dem er Gegner durch Wände hindurch erkennt.

Daneben gibt es auch immer wieder Rätselpassagen, in denen Jack die Zeit zurückspult: So kann er Hindernisse für wenige Sekunden aus dem Weg räumen, etwa herumliegende Trümmer. Oder er baut per Rückspulfunktion eine eingestürzte Mauer wieder auf, die dann als Brücke zu höheren Plattformen dient. Diese Passagen sind nicht sonderlich schwierig, erfordern aber Schnelligkeit.

Quantum Break sieht fantastisch aus. Der Riss im Raum-Zeit-Kontinuum verursacht immer wieder Anomalien und lässt das Geschehen einfrieren. Jack bewegt sich dann wie ein Schlafwandler zwischen puppenhaft erstarrten Feinden, die aber jeden Moment zum Leben erwachen können. Selbst wenn die Zeit nicht völlig stillsteht, lassen lokale Anomalien Gegenstände nervös zappeln, manchmal laufen sie wie zitternde Wellen durch die Landschaft oder verursachen gespenstische Phänomene. Einmal sieht Jack eine Kopie seiner Selbst über einen Zaun klettern. Als er hinterherklettert, sieht er, wie ihm eine weitere Kopie folgt.

Selbst die satirischen Elemente sind gelungen

Remedy-Autor Sam Lake Geschichten kann Geschichten erzählen, das hat er schon mit Max Payne und Alan Wake bewiesen. Bei Quantum Break haben sich Lake und seine Co-Autoren Gedanken um jede Nebenfigur, jedes Ereignis und jedes technische Detail gemacht. Unterwegs findet man minutiöse Tagebuchaufzeichnungen, Strategiepläne, Video-Aufzeichnungen und E-Mail-Wechsel zwischen Monarch-Wissenschaftlern. Das gibt es zwar auch in anderen Spielen. Doch in Quantum Break sind die Texte kein billiges Füllmaterial, sondern fügen sich nahtlos in die Gesamthandlung ein. Fast immer hat man das Gefühl, wichtige Informationen zu erhalten. Selbst die satirischen Einsprengsel sind gelungen. Zum Beispiel das dilettantisch geschriebene Drehbuch eines Monarch-Wächters, der sich selbst als Actionheld in einem Zeitreise-Thriller imaginiert.

Besonders spannend ist die Möglichkeit, selbst Einfluss auf den Handlungsverlauf zu nehmen. Quantum Break besteht aus mehreren Akten, gegen Ende jedes Aktes gibt es eine Schlüsselszene, in der man sich für eine von zwei Möglichkeiten entscheiden muss. Dabei schlüpft man vorübergehend in die Rolle von Jacks Gegnern: Einmal muss Paul Serene entscheiden, ob Monarch einen Studierendenprotest unterdrückt oder mit einer PR-Kampagne kontert, die Jack zum Sündenbock macht.