Im Englischen gibt es die schöne Redewendung "Elephant in the room". Der Elefant ist in diesem Fall ein sehr wichtiges Thema, das von allen Beteiligten bewusst ignoriert wird. Ein Prachtexemplar weilte gestern Abend im Shrine Auditorium in Los Angeles – auf Sonys Pressekonferenz zur Spielemesse E3. Die Electronic Entertainment Expo ist die weltweit wichtigste Branchenmesse für Computerspiele. Anders als bei der Gamescom in Köln müssen die Spieler selbst draußen bleiben, dafür werden meist deutlich mehr neue Spiele angekündigt.

Im Mittelpunkt der E3 stand auch dieses Jahr das Duell der Plattformbetreiber Microsoft und Sony und damit der erwähnte Elefant: Er heißt Neo und ist die deutlich leistungsfähigere, kommende Version der PlayStation 4. Die Konsole soll 4K-Monitore unterstützen und in Kombination mit Sonys VR-Brille auch besonders aufwendige Virtual-Reality-Games ermöglichen.

Sony hatte Neo zwar vor einigen Tagen bestätigt, auf der offiziellen Pressekonferenz aber wurde das System mit keiner Silbe erwähnt. Wann die Konsole auf den Markt kommt, ist deshalb noch unklar. Sony will nicht über das Thema sprechen – mit der Begründung, dass es bislang an vorzeigbaren Spiele-Demos fehlt.

Stattdessen präsentierte das Unternehmen in Los Angeles lieber die schon bestätigten, kommenden Game-Highlights: Zum Beispiel ein neues God of War, das Zombie-Abenteuer Days Gone, das Adventure The Last Guardian oder das mysteriöse Death Stranding von Star-Entwickler Hideo Kojima. Alles exklusive PlayStation-Spiele, die mit Microsoft-Titeln wie Gears of War 4, Recore oder Sea of Thieves konkurrieren.

Hochleistungskonsole von Microsoft

Apropos Microsoft: Im Gegensatz zu Sony hatte der Konkurrent neue Konsolen im Gepäck. Zum einen stellte das Unternehmen am Montag die Xbox One S vor: Sie soll 40 Prozent kleiner sein als das Standardmodell, 4K unterstützen und bereits im August erscheinen. Spannender aber ist Project Scorpio: Die Hochleistungskonsole will Microsoft Ende 2017 herausbringen – mit ihren acht Prozessorkernen wird sie um ein Vielfaches schneller sein als die aktuelle Xbox One.

Das ist noch Zukunftsmusik, möchte man meinen. Doch Neo und Scorpio werfen ihre Schatten voraus. Das hat zum einen mit den Kräfteverhältnissen am Konsolenmarkt zu tun: Die PS4 hat sich – nach offiziellen Angaben – bislang rund 40 Millionen Mal verkauft, die Xbox One – nach inoffiziellen Angaben – höchstens halb so oft. Microsoft hat schon einiges versucht, um den Rückstand zu verringern, doch selbst deutliche Preissenkungen brachten nicht den gewünschten Erfolg. Sony könnte also einigermaßen locker bleiben, zumal die PS4 bisher alle Verkaufserwartungen übertroffen hat.

Microsofts schlanke Xbox One S © Kevork Djansezian/Getty

Sonys VR-Baustelle

Doch Sony hat eine Baustelle, und die heißt Virtual Reality. Am Montag kündigte Sony an, die Brille PSVR am 13. Oktober auf den US-Markt zu bringen, der Verkaufsstart in Deutschland dürfte dann auch nicht mehr weit weg sein. Immerhin 50 VR-Games sollen bis zum Jahreswechsel für PSVR verfügbar sein, darunter ein beeindruckendes Adlerflugspiel von Ubisoft. Auch im nächsten Jahr geht es mit VR-Auskopplungen bekannter Marken wie Batman, Final Fantasy und Resident Evil weiter.

Der Knackpunkt: Virtual Reality braucht jede Menge Rechenleistung, weil es die Bilder gleich doppelt erzeugt. So benötigen die Brillen HTC Vive und Oculus Rift – beide gibt es schon im Handel – einen Hochleistungs-PC als Bilderlieferant. Bei Sony muss die mittlerweile drei Jahre alte PlayStation 4 diese Aufgabe für die PSVR übernehmen, und bei den Launch-Titeln klappt das offenbar auch recht gut. Nur: Je aufwendiger VR-Games werden, desto mehr Rechenleistung benötigen sie.

Die PlayStation Neo gilt deshalb als idealer Partner für PSVR. Doch solange nicht klar ist, wann Neo erscheint, verunsichert das die Kundschaft: Zum einen die potenziellen Käufer der PSVR, die immerhin um die 400 Euro kosten soll. Und zum anderen all jene, die noch gar keine PlayStation besitzen. Warum sollten sie ein Standard-Modell kaufen, wenn Neo bereits in Reichweite ist? Und wenn die neue Konsole erst einmal draußen ist – wird die alte dann zum Stiefkind?