Die Superlative sparen wir uns. Downloadzahlen, Kursgewinne, Umsatzprognosen. Alles der Wahnsinn. Die Smartphone-App Pokémon Go bringt mehr Menschen auf die Straße als alle Protestparteien der Welt zusammen. Selbst die Begleiterscheinungen füllen Liveticker. Die ersten Unfalltoten, die Spielverbote in Gedenkstätten und die immer prominenteren Promis, die durch Tweets und Fotos belegbar "jetzt auch im Pokémon-Fieber" sind.

Hype heißt so was. Und schon rufen sich die Experten auf den Spielplan, erklären, analysieren, dekonstruieren ihn. Sie vergessen dabei, dass dieser nie ganz zu erklären ist – er ist ja über dem Normalen, über dem Erwarteten. Ließe sich ein Hype in seine Einzelteile zerlegen, wäre er – im Sinne des Reverse Engineering – auch erzeugbar. Und dann fehlte das Überraschende, das ihn konstituiert. Als Toyota einst alle größeren deutschen Städte mit Plakaten zukleisterte, bekamen sie die erwartete Aufmerksamkeit. Doch es ging nicht darüber hinaus. Sich Wassereimer über den Kopf schütten, verkleidet auf dem Bürotisch tanzen, die Feurigkeit eines nordirischen Auswechselspielers besingen – das Charmante des Hypes ist gerade seine scheinbare Zufälligkeit.

100-Meter-Lauf auf einem Bein

Das soll die Leistung des Pokémon Go-Machers John Hanke nicht kleinreden. Ortsbasiertes Gaming, also das Spielen mithilfe von Geodaten, galt lange als Sorgenkind der Spieleentwickler. Das Potenzial war da, aber was auch immer sie versuchten, nichts wollte so richtig klappen. Ein Investor aus dem Silicon Valley bilanzierte: Wenn dein Spiel ortsbasiert ist, startest du beim 100-Meter-Lauf mit nur einem Bein. Zu faul seien die Menschen, wollten sich nicht bewegen, vor allem nicht beim Spielen. Jetzt:

SIE: "Schatz, ich glaube, es sollte noch mal jemand mit dem Hund raus."

ER: "Ja, stimmt, kann ich machen."

SIE: "Nee, komm, bleib du ruhig hier, bei dem Regen."

ER: "Macht echt nichts, ich wollte sowieso noch mal an die frische Luft."

Und dann läuft er mit seinem Smartphone durch die Stadt, sieht dort seine reale Umgebung, Straßen, Wohnblöcke, Flüsse. Allerdings erweitert, augmented, ergänzt um Markierungen, die nur für das Spiel relevant sind. PokéStops, Arenen und natürlich die kleinen Taschenmonster, Poketto Monsutā, die namensgebenden Pokémon. Am PokéStop sammelt er Pokébälle ein und fängt damit die kuscheltierartigen Wesen, die dank Smartphonekamera wirklich vor ihm auf dem Bordstein zu kauern scheinen. Anschließend kann er sie in der Arena gegen andere antreten lassen.

Das Spielprinzip ist weniger innovativ als es scheint, ähnliche Konzepte gibt es bereits seit Jahren. Neu ist der Erfolg. Den hatte Hanke, lange mitverantwortlich für Google Earth und Maps, mit dem Spiel Ingress bereits in der Nische. 2014 sah er, wie Google für einen Aprilscherz Pokémon-Monster bei Google Maps platzierte. Nur für einen Tag, aber es war ein Hit. Hanke ahnte, wie man den Durchbruch schaffen könnte: Technik plus Marke. Googles technisches Know-how gepaart mit der weltweiten Bekanntheit der Pokémon. So schaffte er es als Erster einbeinig ins Ziel.

Beeren und Mammuts

Aber wieso reißen sich nun Großstädter darum, im Regen Gassi zu gehen? Um das zu beantworten, brauchen wir eine Passantin, ebenfalls Spielerin, die ihm entgegenkommt, gedankenverloren auf ihr Smartphone starrt – und plötzlich auf seinen Hund zielt. Ihn mit dem Smartphone ins Visier nimmt, über das Display streicht, dann anfangen muss zu lachen. Sie sei verwirrt gewesen, habe den Hund für virtuell gehalten, wollte Pokébälle nach ihm werfen, ihn jagen und einfangen. Da wird dem Großstädter klar, um was es hier eigentlich geht: Beeren und Mammuts.

Um Spiele zu untersuchen, gibt es in der Gamification-Theorie verschiedene Hilfsmittel. Die meisten basieren darauf, typische Elemente aus Spielen zu isolieren und ihre Ausprägung festzustellen. Dimension Anerkennung: Sehe ich als Spieler, dass ich vorankomme? Dimension Sozialer Einfluss: Interagiere ich mit anderen Spielern? Dimension Neugier: Hält das Spiel Überraschungen für mich bereit? Dimension Eigentum: Baue ich mir etwas auf, das ich als eigenen Besitz wahrnehme? Pokémon Go spricht die Spieler in verschiedenen Dimensionen an und macht folglich vieles richtig.