Pokémon Gone? – Seite 1

Wenn plötzlich ein seltenes Snorlax in freier Wildbahn auftaucht, ist die Aufregung unter den Spielern von Pokémon Go groß. So groß, dass auch mal Hunderte Menschen eine vielbefahrene Straße lahmlegen, um sich mit ihren Smartphones in der Hand auf Monsterjagd zu begeben. So gesehen dieser Tage in einem Video aus Taipeh. In der Hauptstadt Taiwans scheinen Snorlax, zu deutsch Relaxo, und seine Gefährten weiterhin schwer angesagt zu sein.

In anderen Ländern sinken sie in der Gunst der Spieler. Das jedenfalls zeigen Analysen von Marktforschern und App-Analysediensten, die das Nachrichtenportal Bloomberg vorstellte. Demnach sinken die täglichen aktiven Spielerzahlen von Pokémon Go langsam, aber merklich. Nach dem Höhepunkt Mitte Juli mit rund 45 Millionen Spielern nutzen einen Monat später nur noch etwas mehr als 30 Millionen Menschen weltweit die App täglich. Auch die durchschnittliche Spielzeit sinkt.

Die Schlagzeilen ließen nicht lange auf sich warten: Der Hype um Pokémon Go sei vorbei, die Faszination lasse nach, die Begeisterung verpuffe, heißt es auf vielen Seiten. Aber ist das Spiel deshalb praktisch schon am Ende und gerät spätestens im September in Vergessenheit? Oder geht es nicht einfach nur den geregelten Weg der Dinge?

Je größer der Hype, desto größer die Ernüchterung

Nun kommt der Begriff Hype vom englischen hyperbole, von der Übertreibung also. Als Pokémon Go Anfang Juli auf den Markt kam, installierten es sehr viele Spieler in sehr kurzer Zeit. Medien, darunter natürlich auch ZEIT ONLINE, schrieben über das Phänomen, was das Spiel wiederum populärer machte, was wiederum zu noch mehr Öffentlichkeit führte, was wiederum Prominente, Werbetreibende, Politiker auf den Pokémon-Zug aufspringen ließ. Und so weiter. Dass Pokémon Go einen erstaunlichen Start hinlegte, ist unbestritten. Dass der Hype per de­fi­ni­ti­o­nem übertrieben war, ist ebenso klar.

Eine Monat später zeigt sich, wie sich Spielerschaft sortiert. Pokémon Go ist kein Spiel wie Candy Crush, das man jederzeit für einige Minuten in der Bahn oder im Wartezimmer spielen kann. Wer erfolgreich sein möchte, also eine möglichst umfassende und mächtige Pokémon-Sammlung aufbauen will, muss Zeit investieren und sich bewegen. Vielen ist das nach spätestens zwei Wochen schlicht zu anstrengend. Was bleibt, sind die Spieler, denen es auch um das Miteinander geht. Diejenigen, die mit Akkupacks im Rucksack durch die Parks laufen. Fans, die sich getreu dem Motto der Marke eben "alle schnappen wollen".

Dass die Nutzer nun in der kurzen Zeit wieder schwinden, lässt sich also einerseits als Konsequenz aus dem Hype erklären, es ist noch kein Indiz dafür, dass Pokémon Go tatsächlich eine Einmonatsfliege war. Andererseits hat der Entwickler Niantic in den vergangenen Wochen auch unter den leidenschaftlichen Spielern nicht immer den besten Eindruck hinterlassen. Die Entscheidung, Kartendienste von Drittanbietern zu verbieten, kam schlecht an. Ein Update Anfang des Monats führte zu Hunderttausenden negativen Bewertungen in den App Stores, nachdem viele Spieler frustriert waren, weil es angeblicher schwieriger war, seltene Pokémon zu fangen und andere öfter entwischten. Einige wollten darin den perfiden Plan der Entwickler erkannt haben, Spieler dazu zu bringen, mehr Geld in der App auszugeben.

Benötigt "Pokémon Go" ein Endgame?

Mit dem jüngsten Update vom vergangenen Dienstag versucht Niantic der Kritik entgegenzusteuern und neue Anreize zu schaffen, weiterzuspielen. So haben sich Berichten zufolge die Nester, an denen die virtuellen Monster auftauchen, verändert. Es gibt weitere Maßnahmen gegen Cheater und eine neue Bewertungsfunktion soll den Spielern helfen, die Stärke ihrer Pokémon im Kampf gegen andere Spieler besser einschätzen zu können. Damit zeigt Niantic, dass es unter anderem in den Kämpfen noch viel Potenzial sieht.

Aber reicht das, um das Spiel dauerhaft attraktiv zu halten? Häufig bemängelt wird das fehlende Endgame von Pokémon Go. Sicher, es geht darum, möglichst viele und möglichst seltene Monster zu sammeln. Doch ab einer bestimmten Anzahl wird die Suche danach zum bloßen Zufall, gepaart mit reichlich Fleißarbeit. Zudem wird das Aufsteigen ab Level 25 richtig zäh, berichten einzelne Spieler, die Motivation für die stetig gleichen Aufgaben sinke. Andere erwidern, das sogenannte Grinden gehöre in vielen Videospielen dazu, zudem soll Pokémon Go auch gar kein Spiel sein, dass man in kürzester Zeit "durchspielen" kann.

Wieder andere, wie der Games-Journalist Paul Tassi, haben eigene Ideen für die Zukunft des Spiels. Missionen und Quests beispielsweise, die den Spieler dafür belohnen, wenn sie etwa 30 Kilometer zurückgelegt und dabei eine bestimmte Anzahl feindlicher Gyms eingenommen haben, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder die Option, in regelmäßigen Challenges gegen die Elite Four, die härtesten Pokémon-Trainer, antreten zu können. Beides würde den Spielern zusätzliche Anreize geben, die über das bloße Leveln hinausgehen, sagt Tassi.

Über die genauen Pläne für Pokémon Go hat sich Niantic bislang nur vage geäußert. Lediglich ein System, Pokémon untereinander tauschen zu können, wurde von CEO John Hanke offiziell angekündigt. In den kommenden Wochen muss sein Team zeigen, ob das reicht, um nicht nur neue Spieler zu gewinnen, sondern die alten bei der Stange zu halten. Sonst könnte aus Pokémon Go tatsächlich schneller Pokémon Gone werden als gedacht.