Der Vorhang fällt. Kurz davor fielen die Götter. Alle Verträge, alles Planen ist zunichte. Der Mensch soll nun die Macht haben, er soll es sein, der sich die Welt untertan macht. 1876 dämmerte die Macht der Götter in Wagners Götterdämmerung. 2017 erscheint mit Horizon: Zero Dawn eine Untergangsgeschichte für die PlayStation 4, die den Menschen die Macht wieder nimmt. Diesmal wird die Technik zum Gott gemacht – und gleichzeitig zur Natur.

Horizon: Zero Dawn wirft die Spieler in eine fiktive Steinzeit, die in der Zukunft spielt. Zu einem Zeitpunkt vor dem Spielbeginn fiel auch hier der Vorhang: Die Menschen waren in ihrer Lust an Technik zu weit gegangen, die Technik übernahm die Welt. Protagonistin des Spiels ist die Jägerin Aloy, die als Ausgestoßene bei ihrem – nicht leiblichen – Vater aufwächst. Durch sie lernen die Spieler die Spielwelt kennen und wie sie in ihr überleben können.

Streifen die Spieler an der Seite Aloys durch diese weite, offene Welt, kommen ihnen immer wieder feindlich gesinnte Maschinen entgegen. Wie sie genau entstanden sind, ist ebenso ein Geheimnis wie die Frage, wieso sie aussehen wie ausgestorbene Tierarten: Säbelzahntiger streift hier neben Brachiosaurus durch die Landschaft. Doch anscheinend formt die Technik stetig neue mechanische Tierarten. Die Evolution wurde in Horizon: Zero Dawn von der Technik übernommen; sie variiert und erschafft neu.

Die Spieler haben natürlich die passenden Werkzeuge zur Hand, um sich zu wehren. Mit Pfeil und Bogen, Speer oder Schleuder müssen sie die Schwachstellen der Ungetüme ausmachen. Dabei ist ein kleiner Chip hilfreich, den Aloy zu Beginn des Spiels noch als kleines Kind in einer Höhle findet. Mithilfe dieses Chips lassen sich die Gegend scannen und Schwachstellen der Gegner ausmachen. Es ist ein Artefakt einer längst untergegangenen Zivilisation, deren Deutung für Konflikte zwischen den unterschiedlichen Stämmen sorgt. Denn trotz der herrschenden Technik sind es nach wie vor die Menschen, die sich in immerwährenden Konflikten aufreiben. Der Rückfall in die Steinzeit hat Ab- und Ausgrenzung nicht aufgelöst.

Eine utopische Dystopie

Unsere Gesellschaft wird geformt durch Dichotomien, die wir als gegeben und natürlich auffassen. Mann/Frau, Kultur/Natur, Tod/Leben, Mensch/Gott. Hochkultur/Popkultur. Aus der Literaturwissenschaft wiederum kennen wir die Gegensätze der Utopie und der Dystopie. In einem utopischen Text wird ein Nicht-Ort beschrieben, ein Phantasma, das einerseits unerreichbar erscheint, aber dennoch erreicht werden muss, um eine perfekte gesellschaftliche Ordnung zu erschaffen. Die Dystopie dagegen zeichnet eine düstere Zukunft, welche die Leser vor gefährlichen Entwicklungen warnen und diese dadurch aufhalten möchte. Dabei spielt die Technik – man denke nur an Aldous Huxleys Schöne neue Welt – häufig eine zentrale Rolle. Die Dystopie warnt vor fortschreitender Technisierung der Menschheit, vor dem Verlust des Menschlichen durch die Dominanz des Mechanischen.

Horizon: Zero Dawn spielt mit diesen Dichotomien und löst sie teilweise sogar auf: Es ist nämlich gewissermaßen eine utopische Dystopie, die immer wieder mit Motiven, Normen und Gesellschaftsstrukturen bricht. Auch die Besonderheit, dass in einem Spiel dieser Marktgröße eine weibliche Protagonistin gesteuert wird, ist einer dieser Brüche.

Die Menschen leben in einer Welt, die an die Steinzeit erinnert – zumindest an das, was der heutige Mensch sich gerne unter der Steinzeit vorstellt. In einem romantisierenden Blick zurück wird gerne behauptet, dass die Menschen früher ursprünglicher und echter waren. Der Gegensatz zwischen Kultur und Natur, so meint man, habe vor vielen tausend Jahren noch nicht existiert. Vielmehr habe man im Einklang mit der Natur gelebt. Eine Vorstellung, die ein Phantasma der Moderne ist.