Grenzen gibt es in Videospielen viele. Selbst die beste Rechenleistung lässt noch keine unbegrenzten Welten zu. Oftmals sind sie unsichtbar, die Wände, an denen die Spieler hängenbleiben. Im Roman Die Wand von Marlene Haushofer ist das der Drehpunkt der Geschichte – eine mysteriöse unsichtbare Wand. In Videospielen wissen die Spieler, was sie da gerade erleben. Das Ende einer Spielewelt. Das Ende dessen, was die Entwickler modelliert haben. In einigen Spielen werden an diese unsichtbaren Grenzen Berge gesetzt, ein Wald sagt: Hier ist Schluss, dreh um. Anders jedoch verhält es sich mit den Grenzen innerhalb einer Spielwelt.

All Walls Must Fall. Klingt wie ein Manifest gegen Donald Trump, ist jedoch ein Videospiel, das gerade in Berlin entwickelt wird. Das Studio Inbetweengames sitzt mitten in Kreuzberg. Der Stadtteil, der direkt an der Berliner Mauer lag. Das Spiel All Walls Must Fall spielt im Jahr 2089. Der Kalte Krieg herrscht noch immer. Die Mauer steht. Die Aufgabe der Spieler ist es, die Grenze zu überwinden, die Mauer zu Fall zu bringen. Jan David Hassel, Gamedesigner des Studios, weiß, welche politischen Implikationen der Titel des Spiels hat.

"Ich habe den Tweet einer amerikanischen Politikjournalistin gesehen. Sie schrieb "Walls work" und stand dabei vor einem Stück der noch stehenden Berliner Mauer", sagt Hassel. Den historischen Korpus der Mauer habe sie komplett ausgeblendet, das Leid der Menschen an der Grenze. Den Entwicklern von Inbetweengames war deshalb von Anfang an klar, dass sie diese Fakten auch in ihrem Spiel auf den Tisch legen wollen. Die Mauer sollte nicht unkommentiert bleiben. "Wir wollen diese Geschichte in das Augenmerk der Spieler rücken", sagt Hassel.

Politik? Nein, danke.


Grenzen sind für uns selbstverständlich: Auf einer Karte umrissen, erkennen wir Staaten, verbinden mit ihnen Sprachen, Bräuche und Geschichte, in der gestorben und gesiegt wurde. Videospiele, so scheint es, haben Grenzen dankbar aufgegriffen. In Strategiespielen geht es fast immer um deren Verschiebung: Baut eine stärkere Armee, vermehrt eure Bevölkerung, expandiert! In Shootern sterben die Menschen, um ihr Land zu verteidigen, wahlweise vor Menschen, Monstern oder Aliens. Und auch in Rollenspielen geben Grenzen den Spielern die Möglichkeit, eine Armee anzuführen. Die Bösen zu vernichten und das Land zu erobern. Open World wollen viele dieser Spiele sein. "Open Borders" aber nicht, sonst gehen die Konflikte flöten. 

Grenzen teilen Welten ein, zeigen auf, dass die eine Seite gut und die andere Seite böse ist. Mass Effect: Andromeda, das in der weiten Zukunft spielen soll, hat als Gerüst eigentlich nur einen Kolonialismus-Konflikt. Battlefield 1, ein Shooter, der im Ersten Weltkrieg spielt, versucht zwar in Ansätzen das menschliche Drama im Krieg darzustellen – zumindest für ein paar Sekunden in Zwischensequenzen. Die politische Dimension dieser Grenzverschiebungen jedoch wird nicht kommentiert. Sniper 3: Ghost Warrior, The Division, oder Ghost Recon: Wildlands ergehen sich in Geschichten von Aufstand, Kriminalität und verlorengegangener Ordnung. Sie wollen realistisch sein, nehmen sich reale Konflikte als Vorbild. Letztlich sollten sie aber vor allem Spaß machen.