Elon Musk kann sich nicht entscheiden. Seit Jahren warnt der Milliardär und Tesla-Gründer vor übermächtiger künstlicher Intelligenz (KI), vor einem "heraufbeschworenen Dämon", der gefährlich für die Menschheit werden könnte. Und dann schickt er mit seinem Start-up OpenAI, das ironischerweise sichere KI für die Allgemeinheit entwickeln soll, genau solch einen Dämon in die Schlacht. Er zerstört Gebäude, befördert Gegner ins Jenseits – und sieht angemessen unheimlich aus.

Der finstere Geselle heißt Shadow Fiend und ist eine Spielfigur aus dem Multiplayerspiel Dota 2. In der Regel wird er von den Spielern gesteuert, doch am vergangenen Wochenende übernahm ihn eine künstliche Intelligenz von OpenAI, ein sogenannter Bot. Im Rahmen des mit 24 Millionen US-Dollar Preisgeld dotierten Dota-2-Turniers The International (das am Ende ein Berliner mit seinem Team gewann), spielte er vor Publikum eins gegen eins gegen den bekannten Profispieler Danylo "Dendi" Ishutin. Es war ein ungleicher Kampf: Der OpenAI-Bot ließ "Dendi" in beiden Spielen keine Chance. Schon zuvor unterlagen ihm einige der derzeit besten Profis.

Nachdem im Frühjahr eine künstliche Intelligenz namens AlphaGo von Google bereits den amtierenden Weltmeister im Brettspiel Go geschlagen hatte, scheint das der nächste Schritt in der KI-Historie zu sein. Jetzt gibt es also Software, die mit den besten Spielern in einem der komplexesten Videospiele überhaupt mithalten kann. Maschine 2 – Menschheit 0. Jedenfalls auf den ersten Blick.

"Dota 2" ist ein notorisch komplexes Spiel

Um zu verstehen, was der Dota-Bot geleistet hat, muss man zunächst Dota 2 erklären. In dem sogenannten Moba treten zwei Teams mit jeweils fünf Spielern gegeneinander an. Jeder Spieler wählt einen von mehr als 100 Helden (wie etwa den Shadow Fiend) aus, die jeweils ihre eigenen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen haben. Das Ziel ist es, auf einem weitestgehend symmetrischen Spielfeld mit der Hilfe computergesteuerter und stets gleich handelnder Einheiten (Creeps) die gegnerische Basis zu zerstören.

So einfach das Prinzip, so komplex die Umsetzung. Die Kombinationen aus zehn möglichen Helden ermöglichen in jeder Partie unterschiedliche Taktiken: Manche Helden werden stärker, je länger das Spiel dauert, andere sollten früh attackieren. Mit Dutzenden Gegenständen kann die Stärke eines Helden im Verlauf des Spiels angepasst werden. Über allem aber steht Teamplay: Nur wenn alle fünf Spieler eines Teams zusammenspielen, ist der Sieg möglich. Dazu kommen zahlreiche Regeln und Besonderheiten, die Dota 2 zu einem notorisch frustrierenden Spiel für Neulinge machen – und gleichzeitig zu einem der faszinierendsten.

Auch die KI von OpenAI hat Dota 2 – anders als manche Schlagzeile besagte – nicht gemeistert. Denn sie hat sich bislang nur im Eins-gegen-eins gezeigt, einer Disziplin, die im Rahmenprogramm von Turnieren gerne als Showelement eingesetzt wird. In diesem Modus treten zwei Spieler mit dem gleichen Helden an und versuchen, in der Mitte des Spielfelds den jeweils ersten gegnerischen Verteidigungsturm zu zerstören – oder den Gegner, wer auch immer als Erstes fällt. Da im Eins-gegen-eins keine Gefahr von anderen Spielern ausgeht, können sich die Kontrahenten ganz auf das eigene Spiel konzentrieren. Wer etwa die Creeps des Gegners tötet, bekommt Gold, das man wieder für Gegenstände ausgeben kann.

Vom Noob zum Profi in vier Monaten

Die besten Spieler der Welt schaffen es, sowohl möglichst viele Creeps zu töten als auch den Gegner unter Druck zu setzen und ihn im besten Fall außer Reichweite zu halten. Der OpenAI-Bot hat dieses Zusammenspiel perfektioniert. Das ist einerseits beeindruckend, wenn man betrachtet, wie die künstliche Intelligenz hinter dem Bot trainiert wurde. In einem Blogbeitrag erklären die Forscher von OpenAI die Details. War der Bot zu Beginn des Projekts im April nicht konkurrenzfähig, ist er vier Monate später kaum schlagbar.

Wie die Forscher schreiben, imitierte der Bot keine menschlichen Spieler. Er wurde stattdessen mit sich selbst trainiert: Indem er immer wieder im Eins-gegen-eins gegen sich selbst antrat, lernte er, welche Strategie erfolgreich war, wann er den Gegner oder Creeps angreifen sollte und wie er Fähigkeiten und Gegenstände effizient verwendet. Er bekam dabei nur das gleiche Sichtfeld wie ein menschlicher Spieler zu sehen und die Anzahl der möglichen Aktionen wurde beschränkt: Der Bot kann nicht unzählig viele Aktionen gleichzeitig ausführen, was ihm einen mechanischen Vorteil gegenüber Menschen geben würde.

Den braucht er offensichtlich auch nicht. Ende Juni konnte OpenAI einen durchschnittlichen Spieler fast durchgängig besiegen, nur eine Woche später schlug die KI den ersten semiprofessionellen Tester. Kurz vor The International im August ging es dann ganz schnell: Einige der besten Spieler, darunter Syed "Sumail" Hassan, konnten ihn in Probeläufen nicht mehr schlagen. Was auch daran lag, dass die Entwickler zum Ende hin doch etwas aktiver eingriffen und der KI eine unter Spielern beliebte Technik beibrachten, mit der sie sich zu Beginn der Partie den eigenen Creeps in den Weg stellen, sodass diese verspätet den Gegner erreichen.