Zwei Männer hängen an einem Baum. Der Wind dreht sie an der Achse, die der Strick um ihren Hals bildet. "Das sind doch Zivilisten, das ist ein Kriegsverbrechen!", sagt ein Soldat ungläubig. "No shit! Wir kämpfen halt gegen Nazis", erwidert ein anderer.

Es ist einer der ruhigeren Momente im neuen Call of Duty: WW2 (PC, Xbox One, PS4). Ein Egoshooter, der den Zweiten Weltkrieg zur bombastischen Kulisse macht. Ein Spiel, das auch die Frage aufwirft, ob Videospiele ein adäquates Medium sind, um Geschichte – als rekonstruierte Vergangenheit – darstellbar und spielbar zu machen. Und welchen Begriff von Geschichte in Videospielen eigentlich konstruiert wird.

Call of Duty: WW2 ist ein pathetisches Spiel. Das will es auch sein. Es erzählt von einer Geschichte, die durch Heldentum und Mut geschrieben wird. Eine Geschichte, vorangetrieben durch starke Männer und Frauen, die in den schlimmsten Situationen nicht aufgeben, sondern kämpfen. "Die Charaktere der Kampagne sind komplett fiktional, basieren jedoch auf Geschichten, die wir gelesen haben", sagen Michael Condrey und Glen Shofield im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Beide sind Gründer des Studios Sledgehammer Games, das Call of Duty: WW2 entwickelt hat. "Wir wollten alle Details wie etwa Ortschaften oder Waffen im Spiel so korrekt wie möglich darstellen."

Geschichte als Tourismus in die Vergangenheit

Dazu habe das Studio eng mit einem Historiker zusammengearbeitet, der sie quer durch Europa geführt habe. "Wir wollen das würdigen, was wirklich passiert ist. Die Verluste, die Kameradschaft. Das Beste, aber auch das Schlimmste der Menschen auf beiden Seiten zeigen", sagen sie. Ob sie während der Entwicklung gemerkt haben, dass dieses Szenario wieder sehr relevant wird in diesen Zeiten – Stichwörter (Neo)Nazis, Gewalt, Widerstand? "Wir begannen die Entwicklung vor drei Jahren. Das war damals noch eine ganz andere Welt." Man wolle sich nicht beteiligen an diesem politischen Diskurs. Die Zusammenhänge heute, bei der Veröffentlichung des Spiels, seien reiner Zufall.

Videospiele sehen die beiden Entwickler dennoch als gutes Medium, um Geschichte erfahrbar zu machen: "Die Spieler verbringen sehr viel Zeit mit diesen Spielen. Sie lernen die Charaktere kennen, bauen Beziehungen zu ihnen auf." Auch sei gerade die Egoperspektive in WW2 dazu geeignet. Denn anders als in einem Film könnten die Spieler selbst die Kontrolle übernehmen, sie selbst seien die Kamera. "Videospiele stecken die Spieler in die Schuhe der Protagonisten. Sie sind keine Voyeure, sondern sie partizipieren", sagen Condrey und Shofield.

Beim Film-Vergleich bleibend, ist Call of Duty: WW2 mehr ein Steven Spielberg als ein Quentin Tarantino. Da, wo etwa Wolfenstein 2: The New Colossus auf Zuspitzung und Dekonstruktion setzt und damit eher in die Nähe eines Kunstbegriffes rückt, möchte WW2 realistisch sein. Mehr Der Soldat James Ryan als Inglorious Basterds also.

Heldentum und Ehre

Unbestreitbar ist Call of Duty: WW2 ein gutes Game; technisch macht es alles richtig. Es bietet eine realistische Optik und Akustik. Explosionen, Schüsse, die Schreie der Soldaten, ihre Verstümmelungen durch die diversen Waffen – all das möchte das Spiel möglichst detailgetreu darstellen. Und tatsächlich könnten Spieler sogar etwas lernen. Denn immer wieder werden Daten eingeworfen, etwa dass 65 Millionen Menschen in diesem Krieg starben. Schlachten werden historisch eingeordnet: An diesem Tag fanden sie statt, zu diesem Zweck. Dabei kennt das Spiel aber nur den Zweiten Weltkrieg. Der Holocaust, die Judenverfolgung, der Aufstieg des Nationalsozialismus finden lediglich als Fußnote statt.

Call of Duty WW2 spielt im Spannungsfeld zwischen politischen Entscheidungen von Staatsführern und der Austragung dieser Politik auf den Schlachtfeldern, auf denen sich die Spieler wiederfinden. Sie lernen eine Geschichte, die von großen Entscheidungen einflussreicher Menschen geformt wurde und die von Schicksalsmomenten geprägt wird – Heldentum und Ehre als aufgeladene, beinahe religiöse Begriffe. Schlussendlich liefert WW2 eine Mystifizierung der Geschichte.