So schön sahen Konsolenspiele selten aus

Die jüngere Konsolengeschichte ist eine Geschichte der Wagnisse. 2006 setzte Nintendo bei der Wii auf eine neuartige Bewegungssteuerung und gewann damit bei den Gelegenheitsspielern. 2010 brachte Microsoft die Infrarotkamera Kinect auf den Markt und verlor, weil überzeugende Spiele fehlten. Ein Jahr später startete Sony seine 3-D-Offensive inklusive passender Brillen und TVs, allerdings war 3-D-Gaming damals einfach nicht ausgereift.

Auch die Xbox One legte nach der Veröffentlichung Ende 2013 einen Fehlstart hin, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat: Konkurrent Sony hat bislang schätzungsweise doppelt so viele PlayStation 4 verkauft, nämlich rund 60 Millionen. Auf dieser Plattform konnte Sony dann auch recht souverän sein bisher größtes Designwagnis lancieren, die Brille PlayStation VR. Das vorerst letzte große Risiko ging Nintendo im Frühjahr mit der Switch ein: Das Konzept des nahtlosen Spielens – zu Hause am Fernseher und unterwegs auf dem Touchscreen – traf offenbar den Nerv vieler Konsumenten.

Teurer Kraftprotz

Jetzt ist Schluss mit Experimenten. Stattdessen klotzen Sony und Microsoft mit immer potenteren Konsolen. Wenn am kommenden Dienstag die Xbox One X erscheint, wird sie die hochgezüchtete PS 4 Pro aus dem vergangenen Jahr als "leistungsstärkste Konsole der Welt" ablösen. Die Xbox One X hat mehr Teraflops (6), mehr Arbeitsspeicher (12 Gigabyte) und auch eine schnellere CPU (2,3 Gigahertz) als die Konkurrentin. Allerdings kostet sie auch rund 100 Euro mehr, nämlich knapp 500 Euro. Womit dann auch gleich die Frage auftaucht, welche Faktoren eigentlich über den Erfolg oder Misserfolg einer Konsole entscheiden.

Das Hauptverkaufsargument der Xbox One X ist die Grafikleistung. Die reguläre Xbox One liefert eine Auflösung von 1.080p (Full HD), die "große Schwester" nun eine von 4K (Ultra HD). Um diese 4K darzustellen, braucht es einen entsprechenden Fernseher oder Monitor. Doch UHD-Fernseher mit acht Millionen Bildpunkten sind gerade erst dabei, den Markt der TV-Geräte zu erobern. Das liegt zum einen am Preis, zum anderen aber auch an den fehlenden TV-Inhalten. Außerdem ist umstritten, wie stark Zuschauer überhaupt von 4K profitieren: Bleiben sie beim gewohnt großen Sitzabstand, dann "verpufft die zusätzliche Pixel-Power". Die Stiftung Warentest hat eine Faustregel aufgestellt: Bei 4K-Fernsehern ist die optimale Sehentfernung das Anderthalbfache der Bildhöhe. Was dann natürlich auch fürs Konsolenspielen gilt. Anders gesagt: Wer 4K erleben möchte, muss unter Umständen sein Wohnzimmer umräumen.

Wer das macht, wird von Microsoft belohnt: Im Test liefert die Xbox One X auf einem aktuellen Samsung-55Q8C-Fernseher beeindruckende Bilder; so schön sahen Konsolenspiele selten aus. Nach und nach sollen immer mehr Games für die Hochleistungskonsole aufpoliert werden. Die erhalten dann das Logo "Xbox One X Enhanced" und werden per Gratis-Update auf 4K getrimmt. Wer also bereits ein Fifa 18 oder ein Destiny 2 besitzt, muss später für die Hochglanzversion nichts draufzahlen.

Szene aus "Gears of War 4" © Microsoft

Keine Exklusivtitel zum Start

Zum Verkaufsstart sind allerdings erst eine Handvoll Spiele "enhanced": die Shooter Gears of War 4 und das Prügelspiel Killer Instinct, die Disneyland Adventures und das Pixar-Abenteuer Rush, das Hüpfspiel Super Lucky's Tale und die Simulation Zoo Tycoon Ultimate Animal Collection. Zahlreiche weitere Spiele sollen in den kommenden Monaten folgen, Microsoft führt hierzu eine Update-Liste.

Dass Gears of War 4 bereits aufgehübscht wurde, ist nachvollziehbar: Das Spiel zählt zu den wenigen erstklassigen Exklusivtiteln der Xbox One. Auch Forza und Halo sind starke Serien, die allerdings mit Sony-Titeln wie Uncharted, The Last of Us oder Horizon: Zero Dawn erdrückend starke Gegner haben. Ein Ausrufezeichen wäre gewesen, hätte Microsoft zum Start der neuen Konsole auch gleich neue Spiele herausgebracht. Doch neue Exklusivtitel wie State of Decay 2 oder Crackdown 3 erscheinen erst 2018.

Software verkauft Hardware

Natürlich gibt es für Xbox One X auch jede Menge aufpolierter Dritthersteller-Games, zum Beispiel Fifa 18, Assassin's Creed: Origins oder Mittelerde: Schatten des Krieges. Doch diese Spiele gab es für die PS4 Pro schon vorher – vielleicht nicht ganz in dieser grafischen Brillanz, aber doch hochauflösend, was dann den Vorteil der neuen Xbox One wieder ein bisschen relativiert.

Software verkauft Hardware: Das ist eine alte Weisheit der Spielebranche, die aber nach wie vor Gültigkeit besitzt. Mindestens ebenso wichtig ist aber auch der Preis der Konsole. Zwar bietet die 500-Euro-Konsole eine Leistung, an die Spiele-PCs in dieser Preisklasse nicht annähernd herankommen. Dennoch liegt die Xbox One X deutlich über dem Betrag, den die meisten Konsolenspieler zu zahlen bereit sein dürften. Besonders, wenn man die anderen Konsolenpreise berücksichtigt: Die reguläre Xbox One gibt es ab 200 Euro, die PS4 ab 230 Euro, die Switch ab 310 Euro und die PS4 Pro ab 400 Euro.

Wer die hochauflösende Grafik genießen will, muss womöglich auch noch Geld für den Bildschirm einplanen. Immerhin: Für die USA, ein traditionell starkes Xbox-Land, sehen Analysten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen PS4 Pro und Xbox One X voraus. Andere Marktforscher sind da weniger optimistisch. Wer recht hat, dürfte erstmals das Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr zeigen.

Kein Schuhkarton

Rein äußerlich ist die Xbox One X deutlich schlanker als die schuhkartonförmige erste Xbox One – und auch deutlich leiser, was ein Pluspunkt ist. Ein Netzteil ist bereits integriert, die Anschlüsse an der Geräterückseite sind übersichtlich aufgereiht. Zudem verfügt die Konsole über einen 4K-BluRay-Player und unterstützt Dolby-Atmos-Raumklang. Auch das Software-Interface ist nun deutlich übersichtlicher gestaltet. Microsoft setzt dabei stark auf Streamingkanäle und den Plan, die Konsole nicht nur für Games, sondern als Entertainmentangebot in den Wohnzimmern zu etablieren.

Letztlich sind der Preis, die Spieleauswahl und ein sichtbarer Mehrwert bei der Grafik die entscheidenderen Argumente für oder gegen eine Konsole. Bei den ersten beiden Punkten ist die Xbox One X derzeit im Nachteil. Das sind aber auch genau die Stellschrauben, an denen Microsoft noch drehen kann. Ein zusätzliches Kaufargument wäre die Unterstützung von VR-Brillen gewesen, doch da lässt sich der Hersteller offenbar Zeit. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Xbox One X vor allem eines: ein beeindruckendes Stück für Liebhaber von 4K-Inhalten.